Ausstellung zum New Bauhaus Chicago : Alles probieren

Überm Atlantik ging’s weiter: Das Bauhaus Archiv Berlin zeigt Fotografie und Film aus dem New Bauhaus Chicago.

Das Sehen neu erlernen. Exkursion der Fotoklasse von Harry Callahan, 1948.
Das Sehen neu erlernen. Exkursion der Fotoklasse von Harry Callahan, 1948.Foto: Bauhaus Chicago Foundation

Ein bisschen Wehmut darf ruhig aufkommen beim Gang durch diese Ausstellung – es ist im Bauhaus Archiv die letzte vor der Sanierung des Gebäudes und der Erweiterung nach dem Entwurf von Volker Staab, für die wohl fünf Jahre zu veranschlagen sind. Abschied zu nehmen vom Bauhaus Archiv als Ausstellungsgebäude heißt es also, 37 Jahre nach der Eröffnung am Landwehrkanal.

Zur Wehmut in klarem Gegensatz steht die Ausstellung selbst, die durchweht wird vom Fortschrittsoptimismus des New Bauhaus Chicago, jener Nachfolgeinstitution, die der rastlose Bauhaus- Meister László Moholy-Nagy 1937, also vor achtzig Jahren, in der South Side der „Windy City“ gründen konnte. Vor nun auch schon wieder dreißig Jahren, im November 1987, widmete das Archiv dieser Institution eine umfassende Ausstellung; diesmal wird der Fokus allein auf Fotografie und Film gelegt, diese amerikanischsten der Künste.

Unter dem Namen des Bauhauses existierte der Nachfolger nur ein reichliches Jahr, dann folgte die Umbenennung in School of Design und 1944 schließlich in Institute of Design. „Bauhaus“ war jenseits des Atlantiks eben doch kein Markenname für eine Schule, die zahlende Studenten anwerben musste. Für das Programm machte das keinen Unterschied. Insbesondere die Fotografie-Lehre war erfolgreich, aufgebaut noch vom 1946 verstorbenen Moholy- Nagy und seinem ungarischen Landsmann György Kepes sowie Arthur Siegel. Später stießen Foto- Größen wie Aaron Siskind und Harry Callahan hinzu.

Das Prinzip war Trial and Error

Renommee verschaffte der Schule ein sechswöchiger Eröffnungskurs im Jahr 1946, zu dem eine ganze Schar berühmter Fotografen und Kenner nach Chicago kam: so Paul Strand, dessen bahnbrechende Experimente damals bereits 30 Jahre zurücklagen, Weegee (Arthur Fellig), dieser König der Polizeireportage in New York, aber auch Roy Stryker, der in der Depressionszeit die so ungemein folgenreiche Fotoabteilung der „Farm Security Administration“ geleitet hatte, oder Beaumont Newhall, der auf Jahrzehnte hinaus maßgebliche US-Fotohistoriker.

Natürlich hieß die Fotografie in Chicago „Neues Sehen“ – das Adjektiv „neu“ muss immer herhalten, wenn es nichts weiter zu sagen gibt als: Erprobt Euch! Das machten die Studenten, und die schönen Schwarz-Weiß- Aufnahmen dieser Jahre zeigen alle Arten von Experimenten mit Licht, von Fotogrammen über Mehrfachbelichtungen bis zu einfach nur gut komponierten Abbildern der sichtbaren Wirklichkeit.

Die schöne Ausstellungsarchitektur, die in der Mitte des großen Ausstellungssaales in einem schwarzen Lattengerüst kulminiert, das sich als eine Art begehbarer Vitrine entpuppt, erläutert auf geheimnisvoll selbstleuchtenden Plastikschildern, erlaubt ein dem damaligen Trial-and-error-Prinzip entsprechendes, schaulustiges Herumstreifen durch alle Bereiche der Ausstellung.

Ein Großteil der Arbeiten sind aus dem eigenen Bestand

Die nun schon 80-jährige Existenz der Lehranstalt bringt es mit sich, dass ein einheitlicher Stil nicht auszumachen ist. In dieser Hinsicht hatte es das originale Bauhaus mit seiner kurzen, so ungemein konzentrierten Lebenszeit einfacher. Aus Chicago stammen Aufnahmen, die der „subjektiven Fotografie“ der frühen Bundesrepublik nahestehen, sodann Reportagefotos aus den oftmals harten 1960er Jahren, sehr viele Architekturaufnahmen aus diesem Geburtsort der Hochhaus-Moderne namens Chicago, aber natürlich auch kommerzielle (Werbe-)Fotografien. Und die Farbe hält Einzug. Abschließend werden jüngste Arbeiten gezeigt, die so gut sind wie allerorts an den künstlerischen und Designhochschulen.

Nicht zuletzt ist die Ausstellung eine Sammlungspräsentation, denn der Großteil der Arbeiten und der zahlreichen authentischen Dokumente entstammt dem eigenen Bestand. Der ist, wie Direktorin Annemarie Jaeggi betont, während der Vorbereitungszeit nochmals durch Schenkungen gewachsen. Von Deutschland ging das Bauhaus einst hinaus in die Welt, hierher kommen die Sprösslinge wieder zurück. Es ist dies auch ein Signal, dass der Bauhaus-Gedanke lebt.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 5. März 2018. Katalog, dt. o. engl. 29,90 €.

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