Ausstellung zur Italiensehnsucht deutscher Maler : Die dunstige Klarheit der Arkadien

Die Dresdner Ausstellung „Unter italischen Himmeln“ zeigt den Drang deutscher Maler im 19. Jahrhundert nach Süden – und präsentiert auch unbekannte Meister.

Sachsen liegt näher an Italien. Die Staatlichen Kunstsammlungen präsentieren ausschließlich eigene Bestände.
Sachsen liegt näher an Italien. Die Staatlichen Kunstsammlungen präsentieren ausschließlich eigene Bestände.Foto: 360-Berlin

Die deutsche Italiensehnsucht ist seit Goethe sprichwörtlich. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“, hatte der Dichter ein Bild in Worte gefasst, das einen ewigen Frühling vor Augen stellt. Seine eigene „Italienische Reise“ veröffentlichte er freilich erst 1817 und somit drei Jahrzehnte, nachdem er sie unternommen hatte. Doch das Buch wurde zum Bestseller und zum Vademecum derer, die nach dem Ende der napoleonischen Kriege und Verwerfungen gen Süden aufbrachen. Jahre später sprach der junge Dresdner Maler Ludwig Richter gar vom „Heimweh – ich kann es nicht anders nennen – nach dieser ideal schönen und großartigen Natur“.

Zeitweise lebten bis zu 20 von der Dresdner Akademie kommende Künstler, zumeist mit Reisestipendien versehen, in Rom. Der ungebrochene Drang nach Süden verwundert insofern, als zur gleichen Zeit Maler wie Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Johan Christian Dahl gerade in Dresden ein anderes, nördliches Ideal von Landschaft pflegten. Die Italiensehnsucht indessen war stärker; nicht Seelenlandschaft wie bei Friedrich, sondern Sinnenlandschaft wurde gesucht.

Rom als Landschaft, in der Anschauung und Ideal in eins fielen

In den Dresdner Museen haben die Italienfahrer reiche Spuren in Gestalt zahlloser Gemälde hinterlassen. Nach einem Gastspiel in Schloss Muskau im Vorjahr breiten die Staatlichen Kunstsammlungen nunmehr im Albertinum – dem Sitz der Gemäldegalerie Neue Meister, also jener nach 1800 – einen Querschnitt ihrer Bestände aus. Nicht die Spitze steht im Vordergrund, sondern die Breite des italienisch inspirierten Schaffens, was zahlreichen kaum je vorgestellten Gemälden kleinerer Meister Gelegenheit zum Auftritt, zum Mitschwingen in einem weiten Stimmungsklang gewährt.

Für die Nähe Dresdens zu Italien haben die Kuratoren, Heike Biedermann und Andreas Dehmer, einen trefflichen Kronzeugen gefunden. Heinrich von Kleist schilderte 1801 aus Dresden brieflich an seine Verlobte das „herrliche Elbthal“: „Es lag da wie ein Gemälde von Claude Lorrain unter meinen Füßen“, darüber „der reine blaue italische Himmel, der über die ganze Gegend schwebte“, wie Kleist in altertümlicher Grammatik schreibt. Damit war nicht nur der Titel der Ausstellung gefunden, „Unter italischen Himmeln. Italienbilder des 19. Jahrhunderts zwischen Lorrain, Turner und Böcklin“, sondern auch ihr Ausgangspunkt bei dem von Kleist so selbstverständlich erwähnten Claude Lorrain. Der französische, in Rom lebende Maler des 17. Jahrhunderts galt mehr als anderthalb Jahrhunderte lang als Maßstab einer idealen Landschaftsauffassung, eben der „klassischen“ Landschaft, die für Lorrain selbstverständlich in der Antike zu finden war und von ihm entsprechend mit Figuren antiker Dichtung und Mythologie bevölkert wurde.

So auch beim Eröffnungsbild der Dresdner Ausstellung, „Küstenlandschaft mit Acis und Galathea“ von 1657 aus der Gemäldegalerie Alte Meister (deren Gebäude, die Sempergalerie, derzeit generalsaniert wird). Für Lorrain stellte sich die Frage des Wirklichkeitsbezuges nicht, für die Maler des frühen 19. Jahrhunderts indessen schon: Sie begeisterte, was sie mit eigenen Augen sahen, in Rom selbst – damals halb Stadt, halb Landschaft –, in der römischen Campagna, in den Albaner Bergen, in Orten wie dem in der Antike so beliebten Tivoli oder den Dörfern Civitella und Olevano. Hier war, kurz gesagt, eine Landschaft, in der Ideal und Anschauung in eins fielen.

Überwiegend mittlere und kleinere Formate

Die Dresdner Auswahl zeigt überwiegend kleine und mittlere Formate; die anspruchsvollen Darstellungen eines Joseph Anton Koch oder Ludwig Richter, so sehr sie den mitgereisten Kollegen als Vorbild dienten, bleiben außen vor. Es ist gerade die Fülle kleinerer Bilder, die den Italien-Trieb der Deutschen so nachdrücklich belegt. Noch in jedem Motiv eines Edmund Hottenroth oder Franz Albert Venus wird Italien zur Essenz verdichtet, zu dem, was Goethe mit Worten vorgeprägt hatte, als er die „Reinheit der Konturen, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie von Himmel, Meer und Erde“ pries und einräumen musste, „mit keinen Worten" sei „die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küsten schwebte ...“

Den Programmmalern der Nazarener widmet die Ausstellung nur ein kleines Kapitel, obgleich mit Julius Schnorr von Carolsfeld einer der ihren 25 Jahre lang Professor an der Dresdner Akademie und Leiter der Gemäldegalerie war.

Was damals bereits ferne Vergangenheit war, ist heute erst recht uneinholbar

Auf die ideale folgt die realistische Landschaft, folgen Naturphänomene, die zur Befreiung von Farbe und Pinselstrich Anlass geben. Die Reihe der Künstler reicht jetzt weit über Dresden hinaus. Wunderbare Wolkenstudien von Carl Blechen sind zu sehen, dramatische Stimmungen bei Edmund Kanoldt und Friedrich Preller d. J. Mit den „Deutschrömern“ kommt neuerlich eine idealistische Auffassung zum Tragen, wobei Hans von Marees nicht mehr die Landschaft im Blick hat, sondern den antikisch-zeitlosen Menschen. Überraschend ist die heiter-hellfarbige Ansicht des Kolosseums, die der Leipziger Max Klinger 1888 vom Dach seines römischen Ateliers aus malt, von der Brüstung der Dachterrasse überschnitten.

Klingers Bild ziert im Ausschnitt den Katalog, der zusammen mit dem letztjährigen Band zur Ausstellung in Bad Muskau eine Einheit bildet. Gemeinsam ist in beiden Bänden dargestellt, was sich in den Dresdner Sammlungen zur deutschen Italien-Malerei des 19. Jahrhunderts findet, in aller thematischen und stilistischen Breite. Es war noch einmal ein Jahrhundert, da die Künstler südlich der Alpen ihr Arkadien finden konnten. Was damals bereits ferne Vergangenheit war, ist heute erst recht uneinholbar.

Dresden, Albertinum, Brühlsche Terrasse, bis 28. Mai. Zwei Kataloge, je 19,80 €. Mehr unter www.skd.museum

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