Ausstellung zur Völkerschlacht 1813 : Gemälde und Wahrheit

Kein Blut, keine Toten:So malte Johann Peter Krafft die Volkerschlacht bei Leipzig von 1813 im Auftrag der siegreichen Feldherren. Das Deutsche Historische Museum demontiert den geschönten Schrecken in einer sehenswerten Ausstellung.

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Herrscher in der Mitte. Johann Peter Kraffts Gemälde „Siegesmeldung nach der Schlacht bei Leipzig“ - mit Zar Alexander I. von Russland, Kaiser Franz I. von Österreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (von links). Foto: Stiftung Deutsches Historisches Museum
Herrscher in der Mitte. Johann Peter Kraffts Gemälde „Siegesmeldung nach der Schlacht bei Leipzig“ - mit Zar Alexander I. von...Foto: Stiftung Deutsches Historisches Museum

Es war die damals größte und blutigste Schlacht der Weltgeschichte. Als sie nach vier Tagen am 19. Oktober 1813 endete, waren annähernd 100 000 Menschen gestorben. Auf dem Gemälde „Siegesmeldung nach der Schlacht bei Leipzig“ von Johann Peter Krafft allerdings ist von diesem Horror nichts zu sehen. Präsentiert werden die alliierten Monarchen Zar Alexander I. von Russland, Kaiser Franz I. von Österreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen auf dem Schlachtfeld; ihnen nähert sich der österreichische Oberbefehlshaber Karl Phillip Fürst zu Schwarzenberg mit einem Gefolge von Militärs, um ihnen den Sieg zu verkünden. Es handelt sich um ein Stück Staatspropaganda für das Wiener Herrscherhaus, in Auftrag gegeben von den niederösterreichischen Ständen.

Ursprünglich, das belegen seine Entwürfe, hatte Krafft auch die Leichen einiger gefallener Soldaten zeigen wollen. Auf dem Gemälde ließ er sie weg, wohl auf Wunsch seiner Auftraggeber. So sind eine zertrümmerte Kanone im Vordergrund und Rauchschwaden im Hintergrund die einzigen Hinweise auf die erbitterten Kämpfe, die hier stattgefunden hatten. Am linken Bildrand hocken drei einfache Soldaten, ein russischer Kosake, ein österreichischer Landwehrsoldat und ein preußischer Kavallerist. Ihre Uniformen sehen aus wie frisch gebügelt, keine Spur von Dreck oder Blut. Nach dem Sieg über Napoleon wurde auf dem Wiener Kongress das monarchische System in Europa wiederhergestellt. Die Träume der Soldaten von einer Verfassung, Bürgerrechten und der deutschen Einheit sollten sich nicht erfüllen.

Ein Bild, das der Verherrlichung eines Kaisers dient, zum Zentrum einer Ausstellung mit dem dramatischen Titel „1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig“ zu machen: Das ist mutig. Doch dem Deutschen Historischen Museum gelingt es tatsächlich, eine umfassende Geschichte dieser vier Tage zu erzählen und dabei das Grauen nicht zu vergessen. Das Original von Kraffts Historiengemälde hängt im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, das Berliner Museum hatte 1995 eine kleinere Zweitfassung erwerben können. Sie ist in der von Dorlis Blume und Sven Lüken klug kuratierten Schau von 300 weiteren Exponaten umgeben, die aus einer Bildbetrachtung den Ausblick auf ein ganzes Epochenpanorama machen.

Begrüßt wird der Besucher von einer sächsischen Feldkanone aus dem Jahr 1812, ein Beispiel für jene leichte und bewegliche Geschützform, die in den Kriegen des ehemaligen Artillerieoffiziers Napoleon manche Schlacht entschieden hat. Daneben liegen wie auf Kraffts Gemälde einige Wagenräder und Lafettenteile. Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten sind auf Gestellen wie in einer Schlachtordnung zum Geviert arrangiert. Vitrinen präsentieren archäologische Funde aus jüngerer Zeit: Uniformknöpfe, Gürtelschnallen und eine Musketenkugel, die aus dem Becken eines russischen Soldaten stammt, der bei Großgörschen fiel. Daneben: Fotos mit menschlichen Skeletten. Totenköpfe.

Johann Peter Krafft, ein gebürtiger Hesse, lernte das Handwerk des Historienmalers im Pariser Atelier des Napoleon-Verherrlichers Jacques-Louis David, bevor er in Wien zum Direktor der kaiserlichen Gemäldegalerie aufstieg. Legenden sind stärker als die Wirklichkeit, Kunst entsteht aus Geschichtsklitterung – diese Lektionen hatte er verinnerlicht. An der Völkerschlacht nahm er nicht teil, setzte sich selber aber, als wäre er ein Augenzeuge gewesen, in einer Profilansicht an den linken Rand seines Gemäldes. Dass es sich nicht um ein treues Abbild, sondern um eine historische Montage handelt, erweist sich schon an den Hauptfiguren des Bildes. Am Abend des 18. Dezember 1813, zur entscheidenden Stunde des Kampfes, befanden sich nur Zar Alexander und Friedrich Wilhelm III. auf dem Schlachtfeld. Der österreichische Kaiser hatte bereits den Rückzug in sein Quartier auf Schloss Rötha angetreten.

Zickzackförmig führt der Ausstellungsparcours in die Vorgeschichte der Schlacht, zu Napoleons Imperium und dem Beginn der Befreiungskriege. Eine antikisierende Marmorbüste des französischen Kaisers steht für sein auf Ewigkeitswerte zielendes Selbstbewusstsein. „Ich bin nur der Sohn des Glücks“, hat er gesagt. „Ich würde von dem Tag an nicht mehr regieren, an dem ich aufhöre, stark zu sein.“ Pfeifen und Spazierstöcke mit NapoleonDarstellungen bezeugen die volkstümliche Verehrung des Aufsteigers. Auf einer Karikatur wird er von Teufeln mit Forken gezwickt und ins Höllenfeuer gestoßen. Doch etwas ist geblieben von seiner Herrschaft: der „Code Napoléon“, der ab 1804 das französische Recht vereinheitlichte und in den annektierten linksrheinischen Gebieten unmittelbar und in den Rheinbundstaaten verändert eingeführt wurde.

Natürlich fehlen Fahnen, Säbel und Uniformen nicht in dieser Ausstellung eines Museums, dessen Ursprünge in einem preußischen Waffenarsenal liegen, dem Zeughaus. Das Eiserne Kreuz ist in seiner Ursprungsversion von 1813 zu sehen, die König Friedrich Wilhelm III. mit Karl Friedrich Schinkel entworfen hatte. Ehrensäbel, gravierte Kolbenbleche und Porträts künden von der Popularität der neuen Helden Blücher und Gneisenau. Putzig ein Strickbeutel mit der Inschrift „SYG ODER TOD 1815“.

„1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig“ ist die erste große Ausstellung, die unter der Federführung des neuen Direktors Alexander Koch entstand. Die „FAZ“ hat Koch, der seit zwei Jahren amtiert, dieser Tage mangelnde Originalität und „Kalenderblatt-Aktivitäten“ vorgeworfen. Außerdem ist von „internem Streit“ die Rede. Koch, der zuletzt das Historische Museum der Pfalz in Speyer leitete, habe sich mit vielen Mitarbeitern überworfen. Der Einstand des Historikers war gewiss nicht glücklich. Eine Ausstellung zur Rezeption Friedrichs des Großen stand im Schatten des Potsdamer „Friederisiko“-Projekts, Präsentationen zum eigenen 25-jährigen Jubiläum wirkten pflichtschuldig und uninspiriert. Ob mit „1813“ der Befreiungsschlag gelingt? Auf der im nächsten Juni beginnenden Großausstellung zum Ersten Weltkrieg lasten große Erwartungen.

Deutsches Historisches Museum, bis 16. Februar 2014, täglich. 10–18 Uhr. Begleitbuch 11,80 €.

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