Fotografie : Maus und Mann

Fotonachwuchs im Berliner Gropius-Bau zeigen gerne Straßenporträts. Doch es ist nicht alles leichte Kost: Caterina Micksch zeigt "unspektakuläre" Orte, an denen tote Säuglinge gefunden wurden.

Jens Hinrichsen

Die Maus hält lieber Distanz zum Mann mit der Kamera. Andere Nachtschwärmer auf der Weseler Straße in Münster zeigen sich zutraulicher. Für sein Projekt „Nachtrecorder“ hat Jon Adrie Hoekstra von Mai bis Juni 2006 Menschen, Tiere und Ereignisse auf einer Ausfallstraße gesammelt, jeweils zwischen Null und sechs Uhr. Die Spurensuche hat dem jungen Fotografen eine Einladung in den Martin-Gropius-Bau eingebracht, wo Hoekstra eine Fotowand und eine „Nachtrecorder“-Zeitung mit Texten und Fotos präsentiert. Straßen-Porträts scheinen in Mode zu sein. Auch Jörg Obernolte hat die Jury mit seinem fotografischen Tagebuch von einer Reise auf der Bundesstraße 1 von West nach Ost überzeugt.

Im vierten Jahrgang des Nachwuchsförderungsprojekts „gute aussichten“ zeigt sich das fotografische Medium vielseitig wie selten. Zwischen kühler Dokumentation und kühner Installation wird ein breites Spektrum ausgelotet. Extreme Positionen: Caterina Micksch zeigt „unspektakuläre“ Orte, an denen tote Säuglinge gefunden wurden. Das Duo Catrin Altenbrandt und Adrian Niesler präsentiert eine explosive Raumcollage aus Foto-, Readymade- und Comicelementen.

83 Absolventen deutscher Hochschulen und Akademien haben sich beworben, elf Gewinner hat die Jury ausgewählt, in der unter anderen der Deichtorhallen-Kurator Ingo Taubhorn, der Fotokünstler Thomas Demand und die Initiatorin des Projekts, Josefine Raab, saßen. Kaum, so Raab, könne man die junge Fotografie auf Trends und Themen festnageln. Aber ihr sei ein „verstärktes Interesse für soziale, kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen“ aufgefallen.

Auf intime Weise widmet sich Andrej Krementschouk den Menschen seiner russischen Heimat: drei Dörfern, in denen er seine Kindheit verbrachte. Kleingemusterter Alltag, Gräber, Tränen: russische Seele jenseits der Klischees. Fern von Betroffenheitsfotografie nähert sich Belaid le Mharchi den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Gelöscht und doch präsent in Margret Hoppes Innenarchitekturfotografien sind „Die verschwundenen Bilder“: Auftragskunst der DDR, zu der auch das von Gerhard Richter selbst geschmähte Wandgemälde „Lebensfreude“ im Dresdner Hygienemuseum gehört.

Neben verweigerten sind auch opulente Bilder zu sehen. Annette Grotkamps magisch-malerische Serie „innerwald“ entstand in Gärten und Tierställen, Tropen- und Gewächshäusern. Es sind Biotope hinter feuchtnebligem Glas, in denen sich Natur noch entfalten kann. „Refugium“ dient Christian Tiefensee als Schlüsselwort. Seine Bilder erzählen von kleinen Welten, die an der Nachbarmauer oder am Bettrand enden. Agata Madejska entdeckt die geometrische Strenge auf nächtlichen Kinderspielplätzen. Vor sattschwarzem Hintergrund schimmern Rutsche, Schaukel und Klettergerüst wie rätselhafte Hieroglyphen. So unnahbar, das Kinderparadies. So mucksmäuschenstill. Jens Hinrichsen

Gropius-Bau, bis 14. 7., Katalog 29,90 €

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