Ausstellungen : Kalt wie Kristall

Comic-Kunst: Die Berliner Galerien Buchmann und Held zelebrieren den Untergang.

Jens Hinrichsen
Mutant. „She“ von Andy Hope 1930 alias Andreas Hofer im Held-Raum. Foto: Galerie Baudach
Mutant. „She“ von Andy Hope 1930 alias Andreas Hofer im Held-Raum. Foto: Galerie Baudach

Man sieht sie förmlich sprießen, die Eiskristalle auf den großen Fotos. Das filigrane Gefriergut stammt aus dem Schneelabor des japanischen Künstlers Yutaka Sone. In seinem Studio in Xiamen züchtet er Schneeflocken und entwirft für seine „Snowflake Drawings“ auch solche, die es noch nicht gegeben hat.

In der Berliner Galerie Buchmann zeigen Sone und 13 Künstlerkollegen Arbeiten, die von einem Roman inspiriert sind oder sein könnten (Preise zwischen 3500 und 45.000 Euro). „The Crystal World: To J. G. Ballard“ heißt die Ausstellung. „Kristallwelt“ ist ein faszinierendes und typisches Kind der Sechziger. Das Buch halluziniert einen Weltuntergang, der von den Romanfiguren als paradoxe Chance zum ewigen Leben begriffen wird. Es beginnt im afrikanischen Dschungel. Regenwälder, Krokodile und Menschen erstarren nach und nach zu Kristall. Wenn die Welt in Schönheit stirbt, so die Idee, sind Leben und Tod leere Begriffe. Das „Transparent Girl“, von Jim Butler mit fotorealistischer Präzision gemalt, ist von Kopf bis Ballerinafuß wie aus dünnen Glasschichten und könnte aus dem Roman getänzelt sein. Das gesichtslose Geisterwesen erinnert zudem an Duchamps berühmten „Akt, eine Treppe herabsteigend“. Formale Anklänge an den Kubismus findet man auch bei dem jungen US-Maler Raffi Kalenderian: Wie auf einer Doppelbelichtung ist der Kopf von „Jimmy (James) Chertkow“ zwei Mal zu sehen, auf seinen Armen wuchert ein seltsames Muster. Ein Symptom der Kristallkrankheit vielleicht. Auch die Lepra kommt infrage, die Ballard als komplementäres Phänomen beschreibt.

Die Bildhauer setzen auf Transparenz. Lawrence Carroll hat papierne Schneebälle in einen durchsichtigen Kunstharz-Eimer gelegt, Wilhelm Mundt einen blutroten Farbtropfen in klarem Muranoglas konserviert, Bettina Pousttchi präsentiert ihre gläserne Absperrgitterinstallation „Cleared“, die auf der letzten Venedig-Biennale zu sehen war. Dass es von Vorteil ist, verschiedene Positionen thematisch einzuzäunen, liegt auf der Hand. „Accrochagen sind langweilig“, sagt André Buchmann, „mir geht es um Inhalte.“ Als Kurator könne der Galerist seine Sicht auf die Werke skizzieren.

In der Parallelwelt der Comics die Sau rauslassen

An einem anderen Kreuzberger Ort tut das auch Matthias Held. Vielleicht übertreibt er ein wenig, wenn er die Werke seiner „Journey into unknown worlds“ zu zwei Erzählungen zusammenfasst, die er als eine Art Begleittext versteht. Die zwei Dutzend Arbeiten im Showroom Heldart erzählen ihre Geschichten von alleine. Und auch hier geht die Welt zu Bruch.

Schon klar: Niemand, der normal tickt, hat Lust auf die Apokalypse. Anders in der Parallelwelt der Comics, deren Zeichner unbeschadet die Sau rauslassen dürfen. Es gibt eben nichts Expressiveres als einen gekonnt inszenierten Weltuntergang. Der steht im thematischen Fokus der Gruppenschau. Held, der eine Projektgalerie in New York geführt und dort viele Comicgrößen kennengelernt hat, mischt die Sparten. Er zeigt Originale des Undergroundzeichners Robert Crumb, von Bob Camp oder „Sin City“-Erfinder Frank Miller. Gleichzeitig bietet er Werke von Öyvind Fahlström, Raymond Pettibon oder Andreas Hofer an. Diese Künstler simulieren den Geschichtenfluss der Comics, schaffen aber Einzelwerke mit Autonomieanspruch.

Mit dem Ende fängt es an: Pettibons Atompilz eröffnet das Untergangsszenario. Dabei ist der große Knall nur der Beginn. Auf einer Zeichnung von Savage Pencil suhlen sich humanoide Schweine, die wie in Orwells „Animal Farm“ das Regime übernommen haben. Andreas Hofer lässt den Mutanten „SHE“ sein blutiges Maul aufreißen. Der zweite Katastrophenzyklus in der Ausstellung geht mit merklich weniger Gebrüll voran. Hier ist Wasser das vernichtende Element. Die Zeichnungen von Josh Neufeld kreisen um die Auswirkungen des Hurrikans „Katrina“, Jim Woodring lässt Monsterwellen wogen.

Ertrinken? Explodieren? Oder doch lieber kristallisieren? Die Ballard-Methode hält immerhin schön frisch.

Buchmann, Charlottenstr. 13; bis 15. 1., Di–Sa 11–18 Uhr.

Held Art, Erkelenzdamm 61; bis 22. 12., Anmeldung unter 030 - 48 81 60 48, www.heldart.de.

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