Ausstellungen : Kunst des Sündigens

Wer Eden sagt, der denkt auch Sündenfall: Anna Pataczek sucht das Böse - und begegnet ihm bei Mutti.

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Und das soll das Paradies sein? Zumindest hat die indische Künstlerin Suhasini Kejriwal ihr Wusel-Suchbild in der Galerie Christian Hosp so betitelt: „Eden“. Überfluss auf fast zwei mal dreieinhalb Metern. Menschen vor allem, Autos, Hochhäuser, Kabelwirrwarr, Ratten. Das pralle Leben, das Mit- und Nebeneinander auf den Straßen Kalkuttas, ihrer Heimatstadt, stellt sie dar (Halle am Wasser, Invalidenstraße 50/51, bis 17. Juli). Keine Unschärfen, keine Nachlässigkeit gönnt sie sich. Jedes Detail führt sie mit naivem Gestus, mit konzentriertem schwarzem Strich aus. So als würde Kejriwal überall gleichzeitig hinschauen. Die Unordnung entsteht – ausgerechnet – durch ordentliches Zeichnen. Heilsversprechen mag es noch geben in diesem Land, dessen Wirtschaft boomt. Aber wer Eden sagt, der denkt auch Sündenfall. Kejriwal wurde für ihre Buntheit bekannt. Hier ist alles schwarz, grau und weiß. Künstlerisch überzeugender als die Zeichnungen auf Leinwand sind ihre überdimensionalen Pilze und Blüten aus geschweißtem Stahl. Die netzartige Struktur ist filigran, aber so regelmäßig konstruiert, dass diese menschengroßen Requisiten aus dem Garten Eden kühl und abweisend wirken. Sie sind nur Symbol des Wucherns. Luftig zwar, aber erstarrt. Das Natürliche fehlt. In solch ein Paradies will man sich nicht träumen (7000 bis 50 000 Euro).

Ein echter Albtraum ist jene Mutti, wie sie Marc Gröszer vorführt: Ihr Heiligenschein wird von einem Monster verspeist, ein Schriftzug auf der Brust weist sie als „Spasti“ aus und ihre Engelsflügel heben sich vor weißen Schriftbändern ab, auf denen sich das Wort „Kill“ aneinanderreiht. Bei diesem Künstler gibt es keinen Gott. Nur noch Rohheit, Krieg, Gewalt. „Kontext des Nichts“ ist – gemessen an den hier verarbeiteten Themen – eine schöne Ausstellung bei Wendt und Friedmann (Heidestraße 54, bis 24. Juli). Gröszer malt auf Spanplatten in Kleinformat – fast, als wären die Fratzen mit den Augenhöhlen Andachtsbilder. Der Berliner, geboren 1973, hat Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee studiert, ist aber auch ein hervorragender Zeichner. Wenn das Holz das Schwarz aufsaugt, haben seine zynischen Kommentare über die Dummheit der Menschen die Qualität von Aquarellen. Ein anderes Mal erinnern Landschaften an japanische Tuschezeichnungen, die derben Körper wiederum an Karikaturen eines George Grosz (950 bis 2400 Euro). Gröszers Plastiken legen das Deformierte offen. Maschinell gefertigte Herrgottschnitzereien aus Südtirol dienen ihm als Material. Die Figuren waren fehlerhafte Ausschussware. Doch Gröszer reicht das nicht. Er schnitzt sie um zu seinem groben Personal, zu schiefen Soldaten und Frauen mit Hängebrust und Klumpfuß (2100 Euro). An manchen Stellen erkennt man noch die Sandalette eines Schutzpatrons. Aber Gröszer haut ihnen alles Heilige ab.

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