Ausstellungen : Schau mir in die Augen

In München trifft Marlene Dumas auf 300-jährige Holländer: Über den Ausstellungstrend, Zeitgenössisches mit alten Meistern zu konfrontieren

Katrin Wittneven

Von Miroslav Balkas Käfiggängen zwischen altdeutschen Meistern in der Kunsthalle Karlsruhe bis zu Takashi Murakamis Mangaskulpturen in Versailles – die Kombination von historischer und zeitgenössischer Kunst hat Konjunktur. Die Gründe für die Konfrontation sind so verschieden wie die Kunstbegriffe, die hier aufeinander treffen. Zeitgenössische Kunst ist en vogue, darum kann sich eine etwas verschlafene oder allseits bekannte Sammlung so elegant in die Gegenwart katapultieren. Irritiert das Ergebnis, bringt die Provokation zudem mediale Aufmerksamkeit mit sich. Umgekehrt können gezielt historische Bezugspunkte gesetzt werden.

Wenn Kuratorin Kathrin Rhomberg etwa in ihre Berlin Biennale eine Ausstellung mit Zeichnungen und Gouachen des großen Realisten Adolph Menzel integriert, verankert sie die flüchtigen Filmbilder und fragmentarischen Skulpturen vieler Teilnehmer im Kunstdiskurs. Doch nicht immer glückt der Dialog: Als Matthew Barney 2010 im Schaulager Basel unter anderem seine aus Performances hervorgegangenen Vaselinequader oder hingehuschten Zeichnungen gemeinsam mit christlichen Ikonografien von Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Hans Baldung Grien zeigte, sahen sie, nun ja: recht alt aus.

Das Münchner Haus der Kunst initiiert derzeit eine vergleichsweise nahe liegende Begegnung. Marlene Dumas’ eingängige wie verstörende Bilder von Menschen treffen auf niederländische „Tronies“, jene im 16. und 17. Jahrhundert am lebenden Modell entstandenen Charakterstudien, die häufig als Vorlagen für Historienbilder oder zu Studienzwecken dienten und von so namhaften Künstlern wie Rembrandt oder Anton van Dyck stammen.

Schon im ersten Augenblick elektrisiert die Ausstellung. Frans Floris’ Porträt eines bärtigen alten Mannes hängt Marlene Dumas’ „Delacroix’ Woman“ von 1984 gegenüber, das nach dem Delacroix-Gemälde „Waise auf dem Friedhof“ (um 1824) entstanden ist. Denkbar unterschiedliche Malereibegriffe prallen hier aufeinander, stoßen sich aber nicht ab, sondern heben die Besonderheit des jeweils anderen hervor, ohne sie übertrumpfen zu wollen.

Der Blick des bis in die kleinste Augenfalte lebensecht dargestellten Alten bei Dumas geht ins Leere, die aufgerissenen Augen der Frau wenden sich ab. Die Farbpalette von Orange, Rot und Grau unterscheidet sich gar nicht so sehr. Bei Floris ist sie fein nuanciert gemischt, bei Dumas stehen die Farben kraftvoll und flächig nebeneinander. Eine frei liegende violette Farbschicht lässt das Gesicht roh und verletzlich wirken, als wäre es ohne Haut. Dumas’ virtuoses Spiel mit der Farbe verändert auch die Wahrnehmung des Bildes des alten Mannes. Die wolkige Struktur des Bartes erscheint plötzlich wie ein Stück abstrakter Malerei.

Die Münchner Ausstellung ist reich an solch überraschenden Begegnungen und Kontrasten. Da trifft ein Barbiekopf mit himmelblauen leeren Augen auf das Bildnis einer rosig-jungen Frau mit weißer Haube von Michael Sweerts. Selbst- und Kinderporträts hängen nebeneinander, Bildnisse von Jesus, Verbrechern, Models und psychisch Kranken oder zum Symbol gewordene Gesichter wie das von Osama Bin Laden oder Andy Warhol.

Waren es bei den Holländern meist anonyme Modelle, die für bestimmte Charakterzüge standen, entstehen die großformatigen Blätter und Leinwände Marlene Dumas nach fotografischen Vorlagen und Zeitungsbildern und werden mit Glitzerfarbe und Schriftelementen verfremdet. Zufälle und Fehler, die auch bewusst herbeigeführt werden, gehören zu ihren künstlerischen Ausdrucksmitteln.

Ein schwebender, durchlässiger Zustand zeichnet die Bilder der 1953 in Kapstadt geborenen Künstlerin aus, die seit 1976 in den Niederlanden lebt. Sie verweigern eine eindeutige Interpretation, wie etwa bei „Naomi“ von 1995, auf dem Dumas das Gesicht des Supermodells selbstsicher und verletzt zugleich zeigt. Nicht das Abbild eines Individuums steht im Vordergrund, sondern das Verhältnis vom Künstler und Betrachter zum Dargestellten. Das gilt auch für die Tronies, bei denen man anfangs sicher zu wissen glaubt, was man sieht. Doch die Ausstellung lenkt den Blick auf die dahinter verborgenen Ebenen – und die Themen, die Künstler in allen Zeiten bewegten: die Sehnsucht, etwas festzuhalten, das Abweichen von der Norm, die ungeheuerliche physische Präsenz des Gesichtes, der Blick in die Seele.

Die verschiedenen Blickachsen eröffnen immer wieder neue, ungeahnte Facetten. So wird zwischen all den Gesichtern schnell klar, dass es sich gar nicht um eine Ausstellung über das Bildnis vom Menschen handelt, sondern vor allem über Malerei. Natürlich kann man sagen, dass diese so unterschiedlichen Bilder nichts miteinander zu tun haben. Man hätte damit sogar Recht. Aber man hätte nichts gesehen.

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