Ausstellungen von Miyajima und Carroll : Sauber zaubern

Kunst mit Eigenleben: Ausstellungen von Tatsuo Miyajima in der Galerie Buchmann und von Lawrence Carroll in der Buchmann Box.

Lorina Speder
Das bist du. Bei Tatsuo Miyajima wird der Betrachter Teil der Arbeit.
Das bist du. Bei Tatsuo Miyajima wird der Betrachter Teil der Arbeit.Foto: Buchmann

Bekannt ist Tatsuo Miyajima für seine Werke mit LED-Zahlenanzeigen. In der Galerie Buchmann (Charlottenstraße 13, bis 24. Juni) präsentiert der Japaner mit Flower Dance neue Kompositionen der Werkgruppe Counter Time Counter Self. Im Fall der Wandarbeit C.T.C.S. Flower Dance no. 1 (ca. 220 000 Euro) kann man sich in zwölf quadratischen Spiegelglas-Elementen selbst betrachten. Über die Flächen laufen digitale, leuchtende Zahlen in komplexen Algorithmen und verschiedenen Geschwindigkeiten. Die purzelnde Anordnung der blauen Digits erinnert an die vom Wind verwehten und in Japan bewunderten Kirschblüten.

Dank der verschiedenen Winkel, in denen die Spiegelpanele zueinander geordnet sind, entsteht zudem eine außergewöhnliche Perspektive auf die Umgebung. So stellt Miyajima einen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit her. Dass er die für das Nichts stehende Null in den Algorithmen bewusst auslässt, verdeutlicht die Lebendigkeit seines Werkes. Denn obwohl seine Arbeiten mit Technologie und Zahlenfolgen assoziiert werden, reflektieren sie immer existenzielle Überlegungen. Counter Flower Pot von 2015, eine spiegelnde Stele mit echter Blume, geht dank Temperatursensoren auf die Umgebung ein und richtet danach die Geschwindigkeit der im Vordergrund leuchtenden und voranschreitende LED Zahl aus.

Die Fertigstellung der Bilder dauert länger als ein Jahrzehnt

Wie Miyajima zielt auch Lawrence Carroll in der Buchmann Box (Charlottenstraße 75, bis 24. Juni) auf die Natur und Zeit. Bei Carrolls offenbaren sich diese beiden Elemente aber in der Materialität. Die neuen Bilder strahlen eine Prozesshaftigkeit aus und erzählen ihre Entstehungsgeschichte. Die Bearbeitung und Schichtung der auf Holz gezogenen Leinwände kann über Jahre dauern und bekommt durch die Tiefe zudem einen skulpturalen Charakter. Die Arbeit Untitled (cut painting, white) von 2016 zeigt neben Einschnitten viele Schichten weißer Farbe, von Öl und Wachs.

Die Fertigstellung des Bildes dauerte länger als ein Jahrzehnt. Der Künstler selbst baut über die Zeit eine Verbindung zu seinen Werken auf und sieht sie als autonome Charaktere. Auch wenn er oft zeitlose und natürliche Inspirationen wie den Lake Superior in den USA für seine Bilder (Preise. 20 000–70 000 Euro) nennt, beeindruckt die rohe Bearbeitung am meisten: Die graublaue Leinwand eines weiteren unbetitelten Werkes von 2016 zeigt Kratzer und Löcher auf der für den Künstler ungewöhnlich farbigen Bildwand. Diese Materialität, an der sich die Zeit zeigt, scheint sich unabhängig von ihrem Schöpfer Carroll, allein durch Licht, Zeit und Umgebung auch jenseits des Ateliers noch verändern zu können.

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