Ai Weiwei : Die toten Kinder von Sichuan

Erinnerung an die Erdbebenopfer: Der Künstler Ai Weiwei trotzt den chinesischen Behörden und bereitet in München eine Ausstellung vor.

Benedikt Voigt
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Der Künstler als Gesamtkunstwerk. Ai Weiwei nach seiner Gehirnoperation in einer Münchner Klinik. Chinesische Sicherheitsbeamte...Foto: Haus der Kunst

Der Künstler ist leicht zu erkennen. Das Pflaster, das von seiner rechten Schläfe bis zum Hinterkopf reicht, leuchtet im Münchner Haus der Kunst so deutlich, dass der unauffällig gekleidete Ai Weiwei schon an der Eingangstür auszumachen ist. Das Pflaster könnte nach seiner Rückkehr auch jenen chinesischen Zivilbeamten bei der Identifizierung helfen, die vor seinem Haus in Peking Kameras installiert haben. Ai Weiwei, einer der bekanntesten Künstler Chinas, findet die Überwachung nicht weiter tragisch – wenn er umgekehrt seine Beobachter beobachten könnte. „Lasst mich sehen, was ihr macht!“, ruft er in München, als ob die Zivilbeamten ihn hören könnten.

Was er gerade macht, lässt Ai Weiwei seinerseits alle Welt sehen. Im Internet auf seinem Blog, den er zweimal täglich aktualisiert, oder auf Twitter, wo er seine Handyfotos veröffentlicht. Oder bei so etwas Altmodischem wie der Pressekonferenz am Montagmorgen im Haus der Kunst, bei der er vom Podium aus das Publikum und die Fotografen fotografiert.

Nur wenige Stunden zuvor ist er von der Neurochirurgischen Klinik der Uni München aus der stationären Behandlung entlassen worden. Dort musste Ai Weiwei vergangene Woche notoperiert werden. Mitte August hatte ihm in Chengdu ein Zivilbeamter auf den Kopf geschlagen; die Blutansammlung zwischen Hirnoberfläche und Hirnhaut hatte auf seine rechte Gehirnhälfte gedrückt. Vor einer Woche, beim Aufbau seiner Münchner Ausstellung „So Sorry“, in der er die Entschuldigungskultur anstelle der Verantwortungskultur in der modernen Gesellschaft thematisiert, überkamen ihn Kopfschmerzen und Schwindel; Ai Weiwei wandte sich an die Münchner Klinik. „In den nächsten drei Stunden verschlechterte sich sein Zustand“, berichtet Philipp Kressirer, Pressesprecher der Klinik. Wegen Lebensgefahr sei der Patient sofort operiert worden. Inzwischen geht es Ai Weiwei wieder gut.

Es ist bestimmt noch nicht oft vorgekommen, dass im Haus der Kunst ein ärztliches Bulletin vorgelesen wird. Doch der Schlag des Beamten, der Aufenthalt auf der Polizeistation in der Provinz Sichuan und die Operation in München – all das ist schon wieder Teil des sich ständig weiterentwickelnden Gesamtkunstwerks Ai Weiwei. Das Handy-Foto, das er bei seiner kurzzeitigen Festnahme in Chengdu im Hotel-Fahrstuhl aufgenommen hat und das ihn mit einigen Zivilpolizisten zeigt, prangt nun großformatig in einem Seitenflügel des Museums. Rechts vom Eingang kleben Helfer Zeitungsartikel an die Wand. Einer ist gerade zwei Tage alt, er zeigt eine Handy-Aufnahme vom Krankenbett. Zeige deine Wunde: Bei Ai Weiwei ist es der Blutbeutel.

Auch die Klinik in Großhadern musste sich erst daran gewöhnen, Teil eines Kunstwerks zu sein. Am Tag nach der Operation veröffentlichte Ai Weiwei Fotos vom Krankenbett auf Twitter. „Es war eine andere Form von Pressearbeit“, gibt Philipp Kressirer zu, „wir mussten ihn immer wieder bremsen.“ Es sei sehr schwierig gewesen, Ai Weiwei ruhig zu stellen.

Der 52-Jährige gibt schon länger keine Ruhe mehr. „Ich bin ein aktiver Künstler“, sagt er, „nur in der letzten Woche war ich nicht so aktiv.“ Ai Weiwei, der die Ein-Parteien-Herrschaft in China und das totalitäre System offen kritisiert, betont dennoch, dass er sich nicht in erster Linie als politischer Künstler verstehe. „Aber ich lebe in einer sehr politischen Gesellschaft, in der jede Meinungsäußerung etwas Politisches sein kann.“

Als Sohn des berühmten Dichters Ai Qing hat er das schon früh erlebt. Sein Vater musste während der Kulturrevolution nach Xinjiang in die Wüste Gobi fliehen und sich dort unter anderem als Toilettenputzer durchschlagen. 1978, 20 Jahre später, wurde der Dichter offiziell rehabilitiert, mit den Worten „So sorry“. 1981 ging der Sohn nach New York und besuchte dort die Kunstakademie, 13 Jahre später kehrte er nach China zurück. Mit Aktionen wie der dreiteiligen Fotoserie „Das Fallenlassen einer Vase aus der Han-Dynastie“ wurde er international bekannt. In Deutschland erregte Ai Weiwei bei der Documenta 2007 Aufmerksamkeit, als er 1001 Chinesen mit nach Kassel brachte, die zum Teil noch nie im Ausland waren. Seine Skulptur „Template“ verwandelte sich während der Documenta sogar: Als ein Sturm den Turm aus Holztüren alter, von Immobilienspekulanten abgerissener chinesischer Häuser zerstörte, sagte Ai Weiwei angesichts der Trümmer, das Werk sei erst jetzt vollkommen. Am Montag trugen Museumsleute die „Template“-Türen ins Haus der Kunst.

In der Ausstellung, die am 12. Oktober eröffnet wird, steht jedoch jenes Projekt im Mittelpunkt, das Ai Weiwei ins Krankenhaus gebracht hat: seine Arbeit „Remembering“. Beim Erdbeben am 12. Mai 2008 in der Provinz Sichuan sind tausende Schulkinder ums Leben gekommen. Zahlreiche Schulgebäude stürzten aufgrund von Korruption und Pfusch am Bau in sich zusammen, benachbarte Häuser blieben stehen. „Tofu-Häuser“ nennen Chinesen derartige Gebäude, bei denen Funktionäre minderwertige Materialien verwenden, um den Gewinn aus dem Etat für höherwertiges Baumaterial für sich einzustreichen.

„Wir haben nach dem Erdbeben versucht, ganz einfache Antworten zu bekommen: Wie heißen die toten Kinder, auf welcher Schule waren sie“, erklärt Ai Weiwei in München, „doch die Regierung hat uns wie Spione behandelt.“ Tatsächlich waren die eingestürzten Schulen in China schon bald tabu. „Jedes Problem, das mit Politik zu tun hat, wird überdeckt“, sagt Ai Weiwei, „niemand darf darüber reden.“ Seine Konsequenz aus dem öffentlichen Schweigen: „Lasst uns selber zählen!“

Über 100 Helfer zogen in Sichuan los und sammelten die Namen der beim Erdbeben getöteten Kinder. „Sie wurden von Beamten immer wieder belästigt und auch verhaftet“, berichtet er. Fast 5000 Namen hat er inzwischen auf seinem Blog veröffentlicht. Der Blog wird immer wieder von der Zensur gesperrt. Als Ai Weiwei sich am 12. August in Chengdu aufhielt, um dem Angeklagten Tan Zuoren mit einer Zeugenaussage im Zusammenhang mit der Recherche über die Erdbebenopfer zu unterstützen, wurde er in der Nacht vor dem Prozess von 20 bis 30 Polizisten auf die Wache mitgenommen. Dabei kam es zu jenem verhängnisvollen Schlag auf Ai Weiweis Kopf. Sein Anwalt hat sich um eine Untersuchung des Vorfalls bemüht – bisher ohne Ergebnis.

In München erinnert Ai Weiwei an die toten Kinder von Sichuan. Sein Team befestigt hunderte von Schulranzen am Haus der Kunst. Sie bilden in den Farben, die an den Spielzeugriesen „Toys R Us“ erinnern, auf Chinesisch den Satz, den ihm die Mutter eines toten Mädchens geschickt hat: „Sie lebte sieben Jahre lang glücklich auf dieser Welt.“ Das Ranzen-Kunstwerk ist in China verboten. „Das wäre jenseits jeder Vorstellungskraft“, sagt Ai Weiwei, „ich darf es noch nicht mal im Blog veröffentlichen.“

Wird die Münchner Installation Konsequenzen für ihn haben? „Wir werden sehen, vielleicht passiert ja auch gar nichts.“ Ai Weiwei wird am 15. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse auftreten. Dort hatte es schon im Vorfeld einen Eklat mit dem Gastland gegeben, weil sich das offizielle China nicht mit regimekritischen Autoren auseinandersetzen wollte. Und wenn nun auch noch Ai Weiwei und die uigurische Regimekritikerin Rebiya Kadeer kommen? Ai Weiwei gibt sich gelassen. „Es ist immer schwer vorherzusagen, wie Menschen reagieren“, sagt er. „Besonders, wenn sie der chinesischen Regierung angehören.“

- „So Sorry“, Haus der Kunst, München 12. Oktober – 17. Januar, Informationen: www.hausderkunst.de

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