Akademie der Künste : Wohnen im Himmel

Kooperation statt Konkurrenz: 64 Galerien zeigen auf der "abc" Modelle für Kunst im Stadtraum.

Simone Reber

Man könnte zum Beispiel seine Mittagspause zwischen Skulpturen von menschlichen Organen und chirurgischen Instrumenten machen. Sandwich essen zwischen Milz und Skalpell. Der im Jahr 2000 verstorbene chinesische Künstler Chen Zhen hat einen Meditationsgarten entworfen, um darin östliche und westliche Medizin miteinander zu versöhnen.

Man könnte auch zum Ganzkörperabguss eines Kreditopfers spazieren. Die Londoner Performerin Spartacus Chetwynd stellt sich ein Denkmal für verschuldete Mitbürger vor. Die Stadt verpflichtet sich, den Porträtierten ein Jahr lang zu unterstützen. Nach Ablauf der Frist wird das Denkmal umgeschmolzen und dem nächsten Pleitier gewidmet. Unter dem Sockel aber, in einer verborgenen Kammer, bezieht der Cat Cult sein Hauptquartier, der Kult der wilden Katzen. Kein Zweifel, dass die Künstlerin, die sich nach dem freiheitsdurstigen Sklaven benannte, selbst den Aufstand der ungezähmten Frauen anführen will.

Man muss sich bei der diesjährigen „abc“ schon einlassen auf Ausschweifungen und Abirrungen, auf Seitenwege und Stolperfallen. Denn das Thema lautet „def – drafts establishing future“: Entwürfe für die Zukunft. Da lassen sich die Künstlerinnen und Künstler ebenso von Star Wars leiten wie von den Brüdern Grimm. Für ihre Ausstellung haben die Galeristen in diesem Jahr die gediegenen Räume der Akademie der Künste am Hanseatenweg angemietet. Nachdem letztes Jahr bei der Premiere im Postbahnhof nur schwergewichtige Kolosse vor der verzwickten Architektur bestehen konnten, regiert jetzt Bescheidenheit. Jeder Galerie stehen eine Tischfläche von ein mal zwei Metern zur Verfügung. Das Thema ist denkbar kniffelig. Visionen für den öffentlichen Raum sollen die Künstler entwickeln, Utopien für die Straßen und Plätze von Berlin, hochfliegend, aber realisierbar.

Eine brillante Idee für die „abc“, die künstlerisch das Art Forum begleitet. Mutig, wenn man sich an das peinliche Debakel des Berliner Skulpturenboulevards 1987 erinnert, der zu Aufwallungen in den Hinterzimmern des Westberliner Tennis-Clubs geführt hat. Hasenherzig beugte sich der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen dem Sturm der mauerstädtischen Provinz und schwor, niemals wieder eine solche Schau auf dem Kurfürstendamm stattfinden zu lassen. Stattdessen regieren heute Buddy-Bären den Boulevard. Die Kunst im öffentlichen Raum wird vor allem zu Denkmalzwecken funktionalisiert. Für die „abc-def“ haben die 64 Galeristen nun ein Brainstorming initiiert.

Sehr genau erfüllen Dieter Detzner und Wilfried Kuehn für die Galerie Sassa Trülzsch ihren Auftrag. Künstler und Architekt haben zwei Stelen des Marx-Engels Forums in Acrylglas nachgebildet. Statt der Szenen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung zeichnen sie unverbrauchte Visionen für eine gerechte Welt in das durchsichtige Material. So nutzt die Galerie zwar den kleinen Grundriss. Die beiden Stelen aber überragen lebensgroß ihre Umgebung.

Wie ein Meteorit wirkt das Projekt vonRalf Ziervogel. Seine fixe Idee: ein weißer Würfel mit 120 Metern Kantenlänge auf dem ehemaligen Flugfeld von Tempelhof. Das „ecce“-Projekt bei Arndt und Partner scheint ein Pendant zu Gregor Schneiders schwarzer Kaaba. An dem strahlend hellen Kraftwerk käme keiner vorbei, ohne innezuhalten.

Die Entwürfe packen, wenn sich die Kunst präzise an das Thema hält. Die Brüder Tiago und Gabriel Primo etwa haben ihre Möbel an die Außenwand ihrer Galerie A Gentil Carioca in Rio de Janeiro gehängt. Bett, Kommode, Tisch und Stuhl dienen den Primos als Kletterwand über zehn Meter Höhe. Zeitweise wohnten die Brüder sogar in der Senkrechten. Auf einem Foto sieht man sie gemütlich in der luftigen Vertikalen abhängen. Solchem erfrischenden Übermut möchte man gerne in den Straßen von Berlin begegnen und dazu die Reaktion des TÜV beobachten. Manchmal allerdings ist bei der Stillen Post zwischen Galerien und Künstlern die Grundidee verloren gegangen und nur die Beschäftigung mit dem Tisch übrig geblieben. Pawel Althamer greift bei Neugerriemschneider die unschlagbare Utopie vom Tischlein-deck-Dich auf. Jörg Herold reagiert aggressiv auf den Klassiker, den Konstruktionstisch von Egon Eiermann. Für die Galerie Eigen und Art baut er eine Mauer aus der Platte und durchsiebt sie mit Kugeln.

Die Präsentation von Modellen ist für Besucher mit der Mühsal verknüpft, die Erklärungen lesen zu müssen. Aber die Idee zieht hoffentlich Kreise. Entweder als Herausforderung für private Sammler, die sich im öffentlichen Raum verewigen wollen. Oder als temporäres Skulpturenprojekt. Inzwischen dürfte die Provinzialität von einst überwunden sein.

„abc“, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10; 23.-27. September, 11-20 Uhr.

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