Akropolis : Tempel für die Heutigen

Was lange währt, wird endlich groß: In Athen eröffnet am Wochenende das neue Akropolis-Museum. Um die Rückkehr des Parthenon-Frieses aus London streitet man noch immer.

Gerd Höhler
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Aufstieg zum Parthenon. Ganz oben wird ein Teil des Frieses gezeigt – der Rest ist noch im Londoner British Museum. Foto: dpa

Fast 30 Jahre Planung, vier Architektenwettbewerbe, über ein Jahrzehnt Bauzeit: Manche glaubten, das Athener AkropolisMuseum werde nie fertig. Jetzt ist es doch so weit: Am Sonnabend wird das Museum am Fuß des Akropolisfelsens eröffnet.

Der New Yorker Architekt Bernhard Tschumi und sein griechischer Partner Michael Photiadis haben Athen nicht nur um eine architektonische Sehenswürdigkeit bereichert. Das neue Museum belebt auch die Debatte um die sogenannten „Elgin Marbles“: jene Marmorfragmente des Parthenon-Tempels, die der britische Lord Elgin Anfang des 19. Jahrhunderts von der Akropolis nach London schaffte, wo sie bis heute im Britischen Museum ausgestellt sind. Mit dem Museum verleihen die Griechen ihrer Forderung nach Rückgabe der Marmorstücke erneut Nachdruck.

Zur Eröffnung werden Staats- und Regierungschefs aus mehr als 20 Ländern in der griechischen Hauptstadt erwartet. Die TV-Übertragung der Feier, deren Ablauf ebenso Geheimsache ist wie die Gästeliste, soll in viele Länder ausgestrahlt werden. Griechenlands Kulturminister Antonis Samaras verspricht „ein Weltereignis“. Wer schon vor der Eröffnung einen Blick in das Museum werfen konnte, ist beeindruckt: Mit 14 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche bietet das Gebäude fast zehnmal so viel Platz wie das alte Museum auf dem Akropolisfelsen, das seit Jahrzehnten als unzureichend gilt.

Die Pläne für den Neubau reichen zurück bis in die siebziger Jahre. Bürokratische Hürden, politischer Streit, Geldmangel und Einsprüche verzögerten das Vorhaben immer wieder. 1997 begannen endlich die Ausschachtungsarbeiten im Athener Stadtviertel Makrigianni am Fuß der Akropolis. Doch schon bald stießen die Bauarbeiter, wie in Athen eigentlich nicht anders zu erwarten, auf antike Ruinen. Die Pläne für den Bau des Museums schienen sich zu zerschlagen. Dann hatte Bernhard Tschumi, ein gebürtiger Schweizer, die erlösende Idee: Sein Bau schwebt auf 94 Betonsäulen über dem antiken Ruinenfeld.

Die Fußböden im Erdgeschoss bestehen zum großen Teil aus Glas und geben den Blick frei auf das darunterliegende Gelände. So spazieren die Besucher über die Ausgrabungen in die weltweit spektakulärste Schau der griechischen Antike. Eine breite Rampe, gesäumt von Statuen, führt hinauf in die erste Ebene des Museums – eine Anspielung des Architekten auf den Weg, den Besucher beim Aufstieg auf die Akropolis nehmen.

Drei Materialien dominieren: Glas, Stahl und Beton. Auf künstliches Licht haben die Erbauer weitgehend verzichtet. Durch die Glaswände und geschickt angeordnete Oberlichter ist Raum für natürliches Licht, je nach Tages- und Jahreszeit in einem anderen Winkel: „Wir wollen die Statuen in jenem Licht zeigen, für das sie von den antiken Bildhauern geschaffen wurden“, sagt Dimitrios Pandermalis, der Direktor der Museums. Die minimalistische, funktionale Architektur Tschumis nimmt sich gegenüber den Ausstellungsstücken zurück und lässt sie so besonders hervortreten. Vor dem weichen Grau der Betonwände, die das Licht absorbieren, wirken die Statuen aus attischem Marmor, der das Sonnenlicht reflektiert, umso dramatischer.

Der architektonische Höhepunkt erwartet die Besucher im obersten Geschoss des Museums. Es ist vollständig verglast und gegenüber dem Baukörper versetzt angeordnet. Seine Ausrichtung entspricht exakt dem Grundriss des Parthenon, der durch die Glasfassade zum Greifen nah scheint. Hier oben wird der Fries des Parthenon ausgestellt. Im Maßstab eins zu eins, aber nicht zehn Meter über den Köpfen der Besucher wie auf der Akropolis, sondern auf Augenhöhe – eine neue, sensationelle Perspektive.

Der Wermutstropfen dabei: Zur Eröffnung wird die spektakuläre ParthenonGalerie nicht einmal zur Hälfte komplett sein. Von den 96 Metopenplatten des 160 Meter langen Parthenonfrieses befinden sich 56 im Britischen Museum. Entführt hat sie vor 200 Jahren der schottische Lord Elgin, damals britischer Botschafter in Konstantinopel. Von den Türken, die Griechenland besetzt hielten, verschaffte sich Elgin eine Genehmigung zur Plünderung der Akropolis – gegen saftige Schmiergelder, wie Historiker vermuten. Rund 200 Tonnen Marmorfragmente verschiffte Elgin auf Staatskosten nach London. 1816 verkaufte er „seine“ Antikensammlung für 35 000 Pfund dem britischen Staat.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bemühen sich die Griechen um die Rückgabe der geraubten Stücke. Bisher argumentierte das Britische Museum, es gebe in Athen keine geeignete Unterkunft für die Parthenon-Fragmente. Dieser Einwand wird mit der Eröffnung des neuen Museums gegenstandslos. Die Lücken, die im Athener Fries klaffen, füllen einstweilen Gipskopien. Werden die Originale jemals heimkehren? Das Britische Museum lehnte bisher jedes Gespräch darüber ab. Aber der Druck wächst.

Neil McGregor, Direktor des Britischen Museums, stellte immerhin die Möglichkeit in Aussicht, einige Parthenon-Fragmente für drei bis sechs Monate nach Athen zu verleihen. Das Angebot ist allerdings an eine Voraussetzung geknüpft: Die Griechen sollen anerkennen, dass die Stücke rechtmäßiger Besitz des Britischen Museums seien – eine Bedingung, die keine griechische Regierung akzeptieren wird, wie Kulturminister Samaras vergangene Woche unterstrich. Architekt Bernhard Tschumi hofft nun, dass sein Entwurf helfen wird, die Fragmente nach Athen zu bringen: „Das Museum soll die Welt davon überzeugen, dass die Elgin-Marbles zurückkommen müssen.“

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