Alfred Messel : Die Evolution findet im Saale statt

Sein bekanntestes erhaltenes Werk hat der Architekt des Pergamonmuseums nie gesehen: eine Ausstellung zum 100. Todestag von Alfred Messel.

Michael Zajonz

Ein Satz wie Beton. „Alfred Messel (1853 – 1909) gehört zu den bedeutendsten Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts“, schreiben die Macher der großen Messel-Ausstellung im hundertsten Todesjahr des Berliner Baumeisters. In den Ausstellungshallen des Kulturforums wird das Lebenswerk eines Architekten ausgebreitet, den man schon zehn Jahre nach seinem Tod vergessen hatte. Ob er wirklich so bedeutend gewesen ist, um diese Frage drückt sich auch die gemeinsame Ausstellung der Berliner Kunstbibliothek und des Architekturmuseums der TU.

Warum also Messel? Zum hundertsten Todestag am 24. März trafen sich auf Einladung des TU-Architekturmuseums Messelianer von heute zu einem Kolloquium über die Bedeutung des Meisters. Die damals gehaltenen Vorträge sind im Katalog abgedruckt – ein redlicher Versuch, Messel ins Bewusstsein der vielen Nicht-Kenner zurückzuholen. Doch es gibt ebenso eine irrationale Messel-Begeisterung, die viel mit der Sehnsucht nach der Zeit zu tun hat, als Berlin noch keine von Krieg und Wiederaufbau gezeichnete Stadt war. Gestandene Berliner Architekten raunten sich beim Kolloquium Sätze zu wie: „Wir müssen Wertheim drei mit ganz neuen Augen betrachten.“ Als wenn man heute noch so bauen könnte wie im späten Kaiserreich.

Wertheim drei, das ist der dritte, 1905 eingeweihte Bauabschnitt des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz. Mit rund 100 000 Quadratmetern Verkaufsfläche war es damals zwar größer als jede Konkurrenz, doch schon der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann hatte über den 1896 nach Messels Entwürfen begonnenen Warenhauspalast geurteilt: „Wenn man heute in einer Familie hört: Wir gehen zu Wertheim, so heißt das nicht in erster Linie, wir brauchen irgend etwas (...), sondern man spricht von einem Ausfluge, den man etwa nach einem schönen Ort der Umgegend macht.“

Wertheim, das war der erste moderne Konsumtempel Deutschlands, mit einem atemberaubenden Lichthof, kostbarem Marmor und Edelholz, dem ostentativen Luxus der Warenwelt, und – vor allem – elektrischer Beleuchtung. Für die Architektur der Moderne ist Wertheim mit der zwischen haushohen Pfeilern eingespannten Glas-Eisen-Fassade des ersten Bauabschnitts zum Gründungsbau geworden. Doch beinahe kultisch verehrt wurde Messel für den Kopfbau am Leipziger Platz, der mit der Anmutung gotischer Strebepfeiler und den tief im Fassadenrelief versteckten Fenstern eigentlich ein Rückschritt war.

Die Zeitgenossen sahen darin, nach vielen Stilexperimenten, endlich eine Baukunst, die Tradition und Gegenwart versöhnte. Das zählte im Berlin Kaiser Wilhelms II. mehr als eine Moderne ohne Gestern, wie sie nach 1918 von den über 30 Jahre jüngeren Walter Gropius und Mies van der Rohe propagiert wurde. Dabei hatte Mies als junger Architekt bei seinen Landhausprojekten noch kräftig „gemesselt“. Am Ende der Ausstellung läuft ein Video, in dem der greise Erfinder des International Style Messel etwas von oben herab lobt: „Er hatte ein ungewöhnlich feines Gefühl für Proportionen.“

Mitte der fünfziger Jahre wurde die wiederaufbaufähige Wertheim-Ruine übrigens abgerissen, obwohl sich prominente Ost-Berliner Architekten wie Richard Paulick für ihren Erhalt starkgemacht hatten. Auch das ist typisch für Messels Nachleben: Heute stehen in Berlin nur noch rund 20 seiner Gebäude, drei Viertel des umfangreichen Werkes gingen verloren. Und das nicht nur durch Bomben. Die Grunewald-Villa von Richard Schöne, der vor Wilhelm von Bode Generaldirektor der Berliner Museen war, fiel 1971 Immobilienspekulanten zum Opfer. Die Landhäuser Springer und Franz Oppenheim am Großen Wannsee, wie die meisten Privatbauten Messels Ausdruck einer verfeinerten Lebenskultur, sind heute in Wohnungen geteilt; oder man hat ihre Grundstücke mit Autostellplätzen und Reihenhäusern zugebaut. Erst seit ein paar Jahren geht man mit Messelbauten wieder etwas sorgfältiger um. So wurde der Bankenpalast der Berliner Handels-Gesellschaft am Gendarmenmarkt, bis 1990 von der DDR-Staatsbank genutzt, für die Kreditanstalt für Wiederaufbau restauriert. Wilhelminische Repräsentationskultur verhilft auch dem Kreditwesen der Gegenwart zu mehr Glanz.

Messel selbst, der in Darmstadt geborene Sohn einer assimilierten jüdischen Familie, der 1899 beiläufig Protestant geworden war, doch sich in der jüdischen Tradition sozial stark engagierte, verstand seine Berühmtheit zu Lebzeiten nie. An Ludwig Hoffmann, den Darmstädter Jugendfreund, der ab 1896 Baustadtrat Groß-Berlins war, schrieb er: „Wenn wir jetzt noch erreichen, dass unsere Arbeiten einem Künstler wie Gabriel von Seidl gefallen, so haben wir alles erreicht, was wir können.“ Unfreiwillige Ironie der Äußerung: Seidl, Messels Münchner Antipode, ist heute mindestens so aus unserem Blick verschwunden wie Messel.

Sein bekanntestes erhaltenes Werk hat Messel selbst nie gesehen. Auf dem Totenbett musste Ludwig Hoffmann versprechen, das 1907 entworfene Pergamonmuseum zu bauen. Erst 1930 erfüllte Hoffmann das Vermächtnis. Da war die scharfkantige Klassik des Monumentalbaus zwar nicht mehr state of the art, aber auch nicht wirklich altmodisch geworden. Der Architekt und Kritiker Paul Zucker traf ins Schwarze, als er rückblickend über Messel schrieb, man könne ihn „weder als kühnen Revolutionär und Zertrümmerer der Tradition feiern, noch als verkalkten Eklektiker ablehnen“. Messel hatte ganz einfach zu viel Geschmack.

Ausstellungshallen am Kulturforum, bis 7. 2. Katalog (Ed. Minerva) 35 €.

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