Ausstellungen : Alles eine Familie

Die Modemacherin Agnès B. zeigt ihre Fotokollektion bei C/O Berlin

Laura Wieland

Im letzten Moment hat sie noch zwei Bilder umgehängt: Kopfschüttelnd stand Agnès B. vor den Schwarzweiß-Aufnahmen, auf denen zwei Brüder Grimassen schneiden und mit der Kamera von El Lissitzky kokettieren. Aber nein, das untere Bild müsse nach oben. Das verstehe sich von selbst, das spüre man doch!

Dieses Gespür ist es, mit dem die französische Modedesignerin in den letzten 20 Jahren ihre Fotosammlung zusammengestellt hat. Mehr als 250 Objekte werden nun erstmals außerhalb Frankreichs gezeigt. Man Ray, Robert Mapplethorpe, Diane Arbus – in erster Linie sind es große Namen, die die „Agnès B. Collection“ prägen. Spannend wird die Sammlung aber durch die kleinen Juwele, die einem Brassaï oder einer Nan Goldin gegenübergestellt werden.

Mal ersteigert Agnès B. ein Bild auf einer Auktion, mal entdeckt sie eine interessante Fotografie auf dem Flohmarkt, manchmal sogar auf der Straße. Daher freut es sie, dass ihre Sammlung im C/O Berlin ausgestellt wird: Das Gebäude habe nicht die Atmosphäre eines etablierten Museums, sagt sie. Stattdessen hängen ihre Andy-Warhol-Polaroids und signierten Henri Cartier-Bressons in den heruntergekommen Räumen des alten Postfuhramts, an Wänden, von denen Putz und Farbe abblättern.

Ohnehin ist es der Mensch, der hier im Mittelpunkt steht. „Mir gefällt dieser abgewandte Blick, dieses In-Sich-Gekehrte“, sagt Agnès B. und deutet auf das Bild von einem Jungen, in eine Decke gehüllt und mit der nachdenklich-entrückter Miene, die nur Kinder haben. Daneben eine Nahaufnahme von Edie Sedgwick: Die Stirn leicht in Falten gelegt, madonnenhaft und zerbrechlich wie eh und je blickt die Warhol-Muse am Fotografen vorbei. Zwei Biografien, zwei Stimmungen. „Aber dieser verwundete Ausdruck ist beiden gemeinsam“, sagt Agnès B. Ebenso anrührend sind die drei großformatigen Bilder des Berliner Fotografen Ingar Krauss: Ernst, abwesend, manchmal unwirklich wirken die Kinder und Jugendlichen, die er porträtiert. Unnahbar – und doch haftet ihnen etwas sehr Zärtliches an.

Letztendlich verrät die Art und Weise, wie man den Menschen zeigt, auch viel über einen selbst. So ist auch die Sammlung von Agnès B. eine persönliche Geste, eine subjektive Art, die Dinge zu betrachten. Zuweilen sogar sehr subjektiv. Weder zeitlich, thematisch noch nach Künstlern sortiert, erschließen sich dem Besucher nicht immer Auswahl und Hängung der Bilder. Dafür ist die Ausstellung wie eine persönliche Begegnung.

Besonders intim wird es in einem kleinen, abgelegenen Raum des Postfuhramtes: Auf den ersten Blick scheint es eine Collage privater Familienfotos aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert zu sein, eine Art Ahnengalerie. Doch bei näherer Betrachtung entdeckt man Porträts von Majakowski, Victor Hugo, Marcel Duchamp sowie Sarah Bernard, die hier zwischen einer Mondfinsternis von 1869 und Aufnahmen von Pariser Gassen um die Jahrhundertwende hängen. Fast unauffällig, als Miniatur: eine junge Marilyn Monroe, die sich ein schwarzes Tuch über den Kopf gestülpt hat, um darzustellen, was für sie der Tod bedeutet.

Kunst sei keine Investition, sagt Agnès B., die in Paris auch eine Galerie unterhält. Sie kaufe ein Bild, weil sie sich in es verliebe – oder um einen jungen Künstler zu fördern. Zum Beispiel den inzwischen gehypten US-Fotografen Ryan McGinley, Jahrgang 1977, dem ein ganzer Raum gewidmet ist. McGinley traf Agnès B. auf einer Party in New York. Dort sollen sie „in einer verrückten Wohnung in völliger Dunkelheit“ zusammen Wodka getrunken haben. Am nächsten Tag brachte er ihr zehn Fotografien vorbei.

Zu vielen Künstlern hat Agnès B. eine persönliche Verbindung: Basquiat traf sie, als er das letzte Mal vor seinem Tod in Paris war; Seydon Keïta besuchte sie in Mali; Douglas Gordon schenkte ihr das Porträt von Schauspieler David Niven mit den ausgeschnittenen Augen; und Nan Goldins Fotografien stellte sie als erste in Paris aus.

„Schon als ich vierzehn war, träumte ich davon, Kuratorin zu werden“, erinnert sich die 67-Jährige. Doch es kam anders: Mit 19 brachte sie Zwillinge zur Welt, aus Agnès Troublé wurde Agnès Bourgeois. Beide Namen stehen wie Sinnbilder für ihre Biografie – sie scheint ein bisschen von beidem zu sein: unruhig und gesetzt. Vor allem aber ist sie leidenschaftlich, erst recht, wenn es um ihre Kunstsammlung geht. „Es ist eine große Collage“, sagt Agnès B. Ein Spaziergang durch ihr Universum: Agnès und wie sie die Welt sieht.

C/O Berlin im Postfuhramt, Oranienburger Straße/Tucholskystraße, bis 7. Dezember; tägl. 11 - 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben