Architektur : Eine Kirche steht kopf

Noch ist sie nicht vollendet: An der Sagrada Familia in Barcelona wird auch 80 Jahre nach dem Tod des Architekten Antoni Gaudí noch gebaut. Im Frankfurter DAM wirft man nun einen Blick hinter die Pläne des Genies.

Christian Huther
Gaudi
Ewige Baustelle. Die Sagrade Familia in Barcelona.Foto: M. Berry

Im Jahr 2026 soll endgültig Schluss sein. Pünktlich zum 100. Todestag des Architekten und nach 143 Jahren Bauzeit. Ein monumentales Lebenswerk würde seine Krönung finden – wenn alles klappt. Schon mehrmals wurden Zeitpläne aufgestellt und dann stillschweigend zu Grabe getragen. Zuletzt 2002 zum 150. Geburtstag von Antoni Gaudí, dem bekanntesten Vertreter von Spaniens „Modernisme“ zwischen Jugendstil in Deutschland und Art Nouveau in Frankreich. Aber Gaudís Sagrada Familia in Barcelona, die ob ihres Zuckerbäckerstils gerühmte Kirche, ist bis heute nicht fertig. Gaudí selbst vollendete zu Lebzeiten nur ein Viertel des Baus.

Der schleppende Gang der Dinge liegt zuerst am Geld. Die Kirche wird mit Almosen und Stiftungen finanziert. Aber daran haperte es lange Zeit. Erst seit einigen Jahren geht es mit dem Bauen voran, dank steigender Einnahmen durch den Tourismus und dank des Engagements japanischer Firmen. Zudem gab Gaudí der Nachwelt viele Nüsse zu knacken mit seiner Vorliebe für Geometrie. Das belegt jetzt eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, die sich auf die Sagrada Familia konzentriert und einen bisher unbekannten Gaudí präsentiert.

Der Architekt arbeitete nur anfangs mit Plänen, als er 1883 den bereits begonnenen neogotischen Bau übernahm. Damals war Gaudí gerade 31 Jahre alt und veränderte den Bau behutsam, verließ sich jedoch später nur noch auf Modelle. Zudem verbrannten viele Unterlagen während des spanischen Bürgerkrieges. So gingen viele Jahre ins Land, bis Gaudís geometrische Systematik, die er in 43 Jahren an der Sagrada Familia ausgeklügelt hatte, anhand der Modelle und der Kirche entschlüsselt war. Bei der Anwendung dieser Erkenntnisse für den Weiterbau half eine Software für den Flugzeug- und Schiffsbau. Mit Architekten-Software war man bisher nicht weitergekommen, da Gaudí vieles der Natur abgeschaut hatte.

Die Schau erklärt dies am Hängemodell, das er 1906 an der Kapelle Colonia Güell entwickelt hatte. An eine Schnur hängte er Säckchen mit Bleischrot als Symbole für die Last, die später die Bauteile zu tragen hatten. Nun fotografierte er das Ganze und stellte es auf den Kopf – fertig war die Gewölbestruktur mit schräg geneigten Säulen. So denkt man beim Blick nach oben unwillkürlich an einen Baum und nicht an übliche Strebebögen.

Die Geometrie macht’s. Draußen ein schwingender Rhythmus der Fassade und verspielte Formen, auch drinnen gibt es keine gerade Linie. Alles fließt. Sogar der grandiose Lichteinfall verdankt sich den oft als Fenster eingesetzten Hyberboloiden in Form einer Sanduhr. Über diese gekrümmten Oberflächen gelangt mehr Helligkeit in den Raum, wie am Modell eines Fensters deutlich wird. Gaudís konzeptuelle Kühnheit bleibt bis heute unübertroffen.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, bis 2. Dezember. Katalog erscheint später.

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