Arsenal : Das Nichts zum Anschauen

Das Berliner Arsenal zeigt eine Retrospektive des russischen Kinometaphysikers Andrej Tarkowskij.

Kerstin Decker
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Monumentale innere Fülle. Szene aus "Andrej Rubljow". -Foto: Deutsche Kinemathek

Die Arithmetik eines Metaphysikers: Ein Tropfen und noch ein Tropfen ergeben einen größeren Tropfen, nicht zwei. Wahrscheinlich war Tarkowskij der größte Tropfen in der ganzen russischen, sowjetischen Filmgeschichte. Nein, kein Tropfen, ein Meer, ein Ozean, und wer hätte es bis heute geschafft, diesen Ozean auszutrinken? Auch wer seine Filme kennt – man geht immer wieder darin unter. Das Arsenal am Potsdamer Platz macht ab heute die Probe aufs Exempel. Fast einen Monat lang Tarkowskij!

Tarkowskij war ein großer Wasser-Filmer, vom Tropfen, der Pfütze bis zum Planeten. In „Solaris“ besteht das ganze verhängnisvolle, fremde Gestirn aus Meer. Aber wer nun irgend eine Üblichkeit des Science-Fiction-Kinos erwartet, riskiert gleich zu Beginn einen Nervenzusammenbruch, denn wir schauen minutenlang ins strömende Wasser eines sehr irdischen Bachs. Ein wenig wasserlöslich, zeitlöslich sollte man für Tarkowskij schon sein.

Diese Filme sind ein Reinigungsbad, nicht zuletzt vom gewöhnlichen Zeitbegriff des Alltags, des Alltagskinos. Und ausgesetzt im Weltraum („Solaris“) oder unterwegs in der terra incognita der verbotenen „Zone“ („Stalker“), am Ende geschieht doch immer nur ein Abenteuer, das größte: das Abenteuer des Selbst. Man entkommt sich nicht, schon gar nicht auf anderen Planeten. Keine Reise führt so weit wie die nach innen. Niemand spiegelt das Innen so wie Tarkowskij in den Bildern des Außen – in seinen Schatten, Kontrasten, Vor- und Hintergründen. Ein Landschaftsfilmer, die Landschaften des menschlichen Gesichts inklusive.

Merkwürdig ist es schon, dass die Kollektivgesellschaften oft die größten Individualisten hervorbringen. Wie unheimlich war schon der erste große Auftritt: Ein sowjetischer Kinderfilm drohte zu scheitern, war schon gescheitert. Mosfilm fragte, ob Tarkowskij „Iwans Kindheit“ übernehmen wolle, gewissermaßen im letzten Augenblick. Er hatte doch schon einen Kinderfilm gemacht. „Katok i Skripka“, „Die Walze und die Geige“, war sein Abschlussfilm an der Hochschule gewesen, er ist der Auftakt der chronologischen Arsenal-Reihe. Die Geschichte eines Jungen, der lieber Geige spielt als Fußball, eine Absonderlichkeit, die ihm regelmäßig Schläge der fußballernden Mehrheitskindergesellschaft einträgt. Die Filmfunktionäre werden schon damals Tarkowskijs bildmächtige Einsicht bemerkt haben, dass der Traum viel wirklicher ist als die Wirklichkeit. Vielleicht dachten sie deshalb, bei diesem Iwan im Krieg gebe es nichts zu träumen: ein zwölfjähriger Junge, der sich nicht davon abbringen lässt, als Späher der Roten Armee immer wieder hinter die deutschen Linien zu dringen.

Soweit der Stoff, muss sich der junge Tarkowskij gedacht haben. Und jetzt der Film. Und Film ist etwas anderes, Film ist Bewusstseinsstrom, Bewusstsein ist surreal, erst recht ein kindliches Bewusstsein, ausgesetzt im Krieg. Zu zeigen wäre die innerste, wahrste Schicht einer kindlichen Erfahrung, und die ist ohnehin keinem Tagesbewusstsein erreichbar. Was für ein Kindheits-Kontinent steigt hier herauf! Welche Unversehrtheit inmitten der Zerstörung, welche Eigenwelt, welche – ja, welche Augenblicke von Glück! Nur ein Kinderfilm war das nicht mehr. „Iwans Kindheit“ bekam 1962 in Venedig den „Goldenen Löwen“.

Aber der Preis machte nichts einfacher. 1966 bis 1969: „Andrej Rubljow“, Monumentalfilm über den legendären Ikonenmaler des frühen 15. Jahrhunderts. Doch das Wort „monumental“ weckt die falschen Assoziationen. In „Andrej Rubljow“, mehr als drei Stunden lang, entspricht den Bildern, die man jedes für sich rahmen könnte, eine überwältigende innere Fülle. Da ist nichts Kulissenschieberei, in keiner Geste, keinem Augenaufschlag einer fremden Zeit.

Russland im frühen 15. Jahrhundert – Tarkowskij wurde sein Meister. Mit einem frühen Ballonflug fängt das an, und man sieht nie den Aufschwebenden, man sieht nur, was er sieht: Kirche, Menschen, Fluss – das Vertraute so ganz und gar fremd. Natürlich musste man fürchten um diesen Regisseur. Wie er hineinkroch in die innerste Seelenfalte damaliger Frömmigkeit und heidnischer Grausamkeit. Wie würde eine religiös so unbegabte Macht darauf reagieren? Gewiss war auch Tarkowskij überrascht. Er hätte das frühe Russland zu negativ dargestellt, erfuhr er, überhaupt handele es sich um ein „künstlerisch unausgereiftes“ Werk. Es ist das Werk eines kinematografischen Genies.

Vielleicht wollte Tarkowskij sich selbst und den anderen zeigen, was „negativ“ ist. Die reine Negativität, gewissermaßen das „Nichts“ zum Anschauen – das ist die gott- und menschenleere Industrielandschaft in „Stalker“, eine selbstgemachte Gott- und Sinnverlassenheit, genannt die „Zone“. Tarkowskijs bekanntester Film ist nichts anderes als die übermächtige Suggestion seiner Bilder, dass wir das Verlorene genau dort wiederfinden müssten, in der Wüste, die wir selbst gemacht haben. „Stalker“ spannt sich aus zwischen Untergangsfarben und dem Erzittern eines Glases auf dem Tisch, wenn ein Zug vorbeifährt. Alles, noch das Bedeutungsloseste lädt sich auf mit Bedeutung. „Stalker“ – das meisterliche Zerstörungswerk eines mikroskopisch genauen Breitwandblicks.

Die Tarkowskij-Langsamkeit – eine gezähmte Panik vor der Vergänglichkeit wie der Ewigkeit gleichermaßen. 1983, in „Nostalghia“, die Aufgipfelung seines Universums: ein Russe in Italien, auf den Spuren eines anderen Russen, krank vor Sehnsucht nach der Heimat. Dieser Fast-Irre ist er selbst – und kehrte trotzdem nicht zurück in die Sowjetunion. Andrej Arsenjewitsch Tarkowskij starb am 29. Dezember 1986 an Krebs in Paris. Er wurde 54 Jahre alt.

Arsenal, Potsdamer Str. 2, bis 23.8., Programm: www.fdk-berlin.de/arsenal

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