Art Basel 2014 : Flüssige Figuren

Performances sind das große Thema der aktuellen Art Basel, der nach wie vor wichtigsten Kunstmesse Europas. Bloß die Sammler zögern und setzen lieber auf klassische Malerei

Max Glauner
Die großen Arbeiten "Farrow" (vorn) von Gavon Kenyon and "The sovereign citizens sequicentennial civil war celebration" von Kara Walker in der Art-BaselSektion "Art Unlimited" Foto: dpa
Die großen Arbeiten "Farrow" (vorn) von Gavon Kenyon and "The sovereign citizens sequicentennial civil war celebration" von Kara...Foto: dpa

Der angesagte Künstler der aktuellen Art Basel heißt Jordan Wolfson, the place to be ist der White Cube in Halle 1, wo er seine lebensechte, vollautomatische „Female figure“ (2014) präsentiert. Der restriktive Zugang – nur knapp 50 Besucher erhalten pro Tag Einlass –, ein verwackeltes Youtube-Video vom ersten Auftritt in der New Yorker Galerie Zwirner und der Umstand ihrer Unverkäuflichkeit befeuern den Hype. Wolfsons Auftritt gehört zu „14 Rooms“, jener in die Kunstmesse integrierten Veranstaltung, in der die Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach Live- Performances von Yoko Ono, Joan Jonas, Bruce Nauman oder Damian Hirst zeigen. Neu ist das nicht. Doch in der Architektur von Herzog & de Meuron, im Mix historischer Positionen und Auftragsarbeiten und ihrer ständigen Wiederholung wird das Genre auf Markt getrimmt.

Als Jörg Johnen seine Berliner Galerie vor zehn Jahren erstmals auf der Art Basel präsentierte, zeigte er die Performance „This is Competition“ von Tino Sehgal. Sie ist nun Teil von „14 Rooms“. Sehgals Arbeiten sind käuflich, es gibt keine Dokumentationen, Verträge werden mündlich ausgehandelt. Avanciert die Performance damit zum Geschäftsmodell? Johnen, der den erfolgreichen Künstler vertritt, winkt ab. Für ihn bleibt Sehgal singuläres Phänomen. In seiner Koje glänzen ein Foto von Candida Höfer und ein Leuchtkasten von Rodney Graham, in dem sich der Künstler als Mann von Welt persifliert. Immerhin eine Performance im Bild.

Anders sieht das Sabine Schmidt. Sie betreibt ihre Galerie PSM in Berlin mit einem Schwerpunkt auf performativen Arbeiten seit 2008. Ihr Künstler, der Däne Christian Falsnaes, stellt für seine akustische Arbeit Kopfhörer zur Verfügung. Drei Exemplare gibt es zu jeweils 18 000 Euro, zwei davon sind reserviert, eine wurde schon verkauft. Man ist sehr zufrieden. Genau wie Nikolaus Oberhuber von der Berliner Galerie KOW, die frühe Arbeiten Santiago Sierras zeigt (Preise: 40 000–60 000 Euro). Auch hier war die erste Arbeit schnell verkauft.

Etwas verhaltener ist die Stimmung nebenan in der Galerie Lorcan O’Neill, die ebenfalls auf Performatives setzt. Sie bietet Arbeiten von Luigi Ontani an, darunter vier unikate Fotoserien seiner Aktionen aus den 1960er Jahren plus Videodokumentation. Doch als traue man der Sache nicht, wird hier noch eine schrill glasierte Keramikstele des Künstlers im sechsstelligen Bereich angeboten.

Das ist durchaus symptomatisch. Konzeptuelle Kunst, Installationen, Video und Film muss man suchen. Sie wird dem Besucher vor allem in der Sektion „Unlimited“ mit großen, exzeptionellen Arbeiten von Harun Farocki oder Laure Prouvost geboten. Die Galerien hingegen haben gemischte Stände wie Neugerriemschneider mit Ai Weiwei, Michael Majerus und Olafur Eliasson oder Robert Mnuchin, wo der Farbton Orange die Auswahl der Werke bestimmt: Er zieht sich in der Koje von Brice Marden über Donald Judd bis zu Morris Louis. Da wirkt es fast gewagt, dass Galerien wie Pace mit Claes Oldenburg oder Daniel Blau mit frühen Zeichnungen von Andy Warhol einen Künstler solo präsentieren.

Die Losung lautet: sichere Werte schaffen. Ein Frauenporträt von Picasso hängt für 25 Millionen Euro bei Marlborough. Eine Performance der eigenen Art, von einer Sicherheitsfirma streng bewacht. Das Bild muss nicht unbedingt verkauft werden. Es genügt, dass dank der Aufmerksamkeit Werke von Frank Auerbach (250 000 Euro) oder Manolo Valdés (460 000 Euro) Interessenten finden. Viel Malerei ist zu sehen, in mittleren Formaten nicht über zwei mal zwei Meter. Judy Lybke von der Berliner Galerie Eigen & Art hat wieder einmal den Zeitgeist erkannt: Er setzt aufs kleine Format und verkauft entsprechend gut. Im Angebot: zwei kleine Drucke von Neo Rauch à 3000 Euro, durchdacht Serielles von Carsten und Olaf Nicolai oder betörende Malerei von Tim Eitel.

Für die Art Basel hebt Messeleiter Marc Spiegler die Rolle Berlins und New Yorks als Zentren der Gegenwartskunst hervor. Das spiegelte nicht bloß die Art Basel mit 44 Teilnehmern aus Berlin wider. Auch auf der parallelen Messe Liste sind die Galerien der deutschen Hauptstadt überproportional vertreten. Gleich am ersten Tag gibt es hier euphorische Gesichter, viele Stände waren nach der ersten Stunde halb ausverkauft. Kein Wunder: Das neue Preislimit pro Arbeit liegt bei 35 000 Euro – ein Betrag, wo die Skala der Art Basel erst beginnt.

Die Galerie Sommer & Kohl erfreut mit gewitzten Bildern des Schweizers Beni Bischof, die Galerie von Dan Gunn ragt mit klugen Arbeiten des Italieners Alessio delli Castelli heraus und Javier Peres darf sich mit den allesamt verkauften Wollwebbildern des Kanadiers Brent Wadden (ab 25 000 Euro) als ein nächster Kandidat für die Art Basel positioniert sehen. Oder ist es Ellen de Bruijne Projects aus Amsterdam mit ihrer Auswahl von performativ-konzeptuellen Arbeiten? Man ist professionell, auf der Art Basel wie auf der Liste. Bloß Gewagtes bleibt außen vor.

Art Basel & Liste Basel, bis 22. Juni

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