Art Forum : Mit Biss in die Zukunft

Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch, die neuen Leiter des Art Forum Berlin, über Stärken und Schwächen der Messe im Herbst.

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Scharf geschossen. Auf dem Art Forum 2008 wuchsen der Arbeit "Big Jaws" von Joel Morrrison Patronen anstelle von Zähnen. -Foto: dpa

Das Art Forum Berlin als Kunstmesse der Hauptstadt müsste längst Deutschlands wichtigster Handelsplatz sein. Warum ist das bisher nicht gelungen?

VETSCH: Es kommt darauf an, von welchem Segment wir reden: von einer Messe, die mit der klassischen Moderne beginnt, oder einer, die Nachkriegskunst und Zeitgenössisches zeigt. Oder von einer Messe wie dem Art Forum Berlin, die sich die letzten zehn Jahre auf zeitgenössische Kunst konzentriert hat. Dafür ist sie die wichtigste deutsche Kunstmesse.

Was gibt es dennoch zu verbessern?

VETSCH: Wir wollen die Qualität steigern, indem wir wichtige Berliner und prominente auswärtige Galerien an die Messe bringen. Ein Dutzend führender Berliner Galerien ist wieder dabei, darunter Esther Schipper, Neugerriemschneider, Max Hetzler und Claes Nordenhake. Unsere zweite Aufgabe ist es, internationale Sammler nach Berlin zu locken. Das Resultat werden wir nach der Messe sehen. Unser erstes Ziel, die Qualitätssteigerung, haben wir schon erreicht, auch wenn wir uns weitere Galerien aus den USA, Paris und London wünschen. In einem Jahr kann man nicht alles erreichen, aber ein Zeichen setzen, dass sich etwas ändert.

Was werden Sie beibehalten?

VETSCH: Wir sind nicht gekommen, um Tabula rasa zu machen. Aber für eine Messe, die zehn Jahre lang dieselbe Leitung hat, ist es schwieriger, innovativ zu sein. Messen müssen sich immer wieder neu erfinden, um am Markt bestehen zu können. Deshalb ist es logisch, als neue Leitung neue Wege zu beschreiten.

Welche Ziele gibt es bei den Publikumszahlen?

HÄUSLER: Publikumszahlen sind für uns sekundär. Entscheidend ist die Qualität der Besucher: dass deutsche Sammler kommen und ein internationales Publikum. Ebenso Kuratoren und Museumsdirektoren, weil es nicht nur um Verkauf, sondern auch um Vermittlung geht.

Eine stete Kritik an der Messe war die fehlende Vernetzung mit der Stadt. Welche Bedeutung hat dies für Ihre Arbeit?

HÄUSLER: Wie wichtig das für uns ist, haben wir bereits durch unsere Zusammenarbeit mit der parallel stattfindenden Ausstellung „art berlin contemporary“ in der Akademie der Künste bewiesen, die von Berliner Galerien organisiert wird. Außerdem sind wir im engen Kontakt mit Museen und Privatsammlern.

VETSCH: Wir haben ein sogenanntes Host-Committee gegründet. 100 bis 200 Berliner Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur sollen mit ihrem Beitritt bezeugen, dass sie hinter dem Art Forum Berlin stehen und Berlin als gastfreundliche Stadt repräsentieren. Klaus Wowereit hat den Vorsitz übernommen, Paul Maenz, der Sammler und ehemalige Galerist, ist unsere Honorary Chairman.

Wie ist es Ihnen gelungen, die jahrelangen Messeverweigerer aus Berlin auf die Messe zurückzuholen?

HÄUSLER: Das Interesse an einer starken Kunstmesse war vorhanden. Wir kennen viele der Galerien und haben offene Türen vorgefunden.

VETSCH: Das ist auch eine Vertrauensfrage. Zugleich erwarten die Galeristen, die zum Art Forum Berlin zurückkehren, von uns auch eine positive Weiterentwicklung der Kunstmesse.

Was bringen Sie neben ihren Kontakten noch als ehemalige Mitarbeiter der Art Basel aus der Schweiz mit?

HÄUSLER: Das darf man nicht überschätzen. Wir haben zwar großes Know-how bei der Organisation einer Messe, aber Berlin befindet sich in einer ganz anderen Marktsituation als Basel.

Sollte sich nicht auch das Art Forum für stabile Werte wie ältere Kunst öffnen, die Basel den Erfolg beschert haben?

VETSCH: Das wäre der größte Fehler. Es kommen immer weniger Werke der Klassischen Moderne auf den Markt. Eine Messe, die qualitativ zweitklassige Ware zeigt, hat keine Chance. Aber wir haben das Programm geöffnet und lassen nun Kunst ab den sechziger Jahren zu, ohne den Fokus auf die zeitgenössische Kunst zu schmälern.

Weil sich die Kunst der jüngeren Jahrzehnte gerade gut verkauft?

HÄUSLER: Die Entscheidung ist schon vor Monaten gefallen und hatte konzeptionelle Gründe. Wir möchten nicht nur die letzten zwanzig Jahre abbilden, sondern zeigen, was die geistigen Väter der heute jungen Künstler gemacht haben.

Warum wird es auf dem nächsten Art Forum keine Sonderausstellung mehr geben?

VETSCH: Wir sehen uns nicht als künstlerische Leiter, sondern als Messeveranstalter. Wir glauben, dass eine Messe als Verkaufsplattform ehrlicher ist. Gerade in Berlin, wo so viele kuratierte Ausstellungen in Museen und Galerien zu sehen sind, muss die Messe keine weitere Sonderschau beisteuern.

Könnte man die ABC als Ihre Sonderausstellung ansehen?

VETSCH: Das sind zwei getrennte Veranstaltungen. Die ABC wird von Galeristen ausgerichtet, die teils auch am Art Forum teilnehmen. Aber es gibt Kooperationen: einen Shuttle zwischen Messe und Akademie sowie gemeinsame Eintrittskarten.

Sie arbeiten als Duo. Wie teilen sie sich die Arbeit auf?

HÄUSLER: Vieles mischt sich, aber jeder hat seine Schwerpunkte. Ich habe mehr Erfahrung mit Ausstellern und der Messeorganisation, Peter Vetsch im Umgang mit den Medien und im VIP-Bereich. Aber nach außen treten wir zusammen auf.

Was geschieht mit dem Rahmenprogramm des Art Forums? Gibt es das Collectors’ Forum noch und die Podien?

VETSCH: Beides geht weiter, aber in anderer Form. Unser VIP-Programm dauert keine zwei Tage mehr, sondern wird auf die gesamte Dauer der Messe ausgeweitet. Jeden Morgen bieten wir den VIP-Gästen Besuche bei Privatsammlungen, von denen es in Berlin über ein Dutzend gibt. Abends folgen Empfänge und am Nachmittag die Talks.

HÄUSLER: In der Vergangenheit gab es für wenige VIPs ein intensives Programm. Wir geben nun allen die Gelegenheit zur Teilnahme.

Werden sie noch Sammler einfliegen?

VETSCH: Nein, wir spendieren ausgewählten Sammlern keine Übernachtung mehr im Hotel. Wir setzen auf Nachhaltigkeit. Wir möchten die Destination Berlin so attraktiv machen, dass es für die Sammler ein must ist, in der letzten Septemberwoche nach Berlin zu kommen.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christiane Meixner.

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