Art Forum : Raum ist in der kleinsten Hütte

Die Sonderausstellung „House Trip“ spielt geschickt mit dem Motiv der Begrenzung. Ami Barak schickt den Besucher auf 2000 Quadratmetern durch ein eigens entworfenes Haus.

Christina Tilmann

BerlinSchutz oder Begrenzung – was ist ein Haus? Sentimentale Erinnerung an die Geborgenheit der Kindheit, Käfig, aus dem es auszubrechen lohnt, Schutz vor der gefährlich weiten Welt da draußen? Für Jean-François Fourtou wahrscheinlich von allem etwas: Als Erwachsener kehrt er in die Wohnung seines Großvaters zurück. Was ihm damals riesig groß vorkam, erscheint nun eigenartig geschrumpft. Auf den Fotos des 1964 geborenen französischen Künstlers kauert denn auch ein ausgewachsener Mensch embryohaft in einer Miniaturwohnung wie Gulliver im Lande Liliput, füllt fast den ganzen Raum. Ähnlich die Berliner Künstlerin Lisa Junghanss, die sich in ihrer Arbeit „The Vision of my Other Self“ in eine Abstellkammer quetscht. Der Ausbruchswille ist fast physisch spürbar.

Je begrenzter der Raum, desto intensiver manchmal die Erfahrung. Ein Umstand, dessen sich der in Rumänien geborene, in Frankreich lebende Kurator Ami Barak geschickt bedient. Die Sonderausstellung „House Trip“, die er in die Messehalle 11.2 gebaut hat, nutzt den beschränkten Raum von 2000 Quadratmetern, um den Besucher auf eine hochkonzentrierte Reise zu schicken. Barak hat ein eigenes Haus in die Messehalle gebaut, mit Fassade, Fenstern, Kammern und Korridoren. Man wandert von Zimmer zu Zimmer, schließt die Tür oder den Vorhang hinter sich und ist mit sich und der Kunst allein. Ein Rückzugsort im Messegetümmel, und eine angesichts der bunten Beliebigkeit drumherum klug fokussierte Zusammenstellung. Mehr denn je erweist sich die Sonderausstellung in diesem Jahr als anregende Messeergänzung – auch, weil beileibe nicht alle gezeigten Künstler zusätzlich auf Galerieständen der Messe zu sehen sind. Ami Barak hat seine Lieblingskünstler per „Wildcard“ eingeladen.

Gemütlichkeit allerdings kommt in Halle 11.2 nur in den seltensten Fällen auf. Schon Götz Diergartens Fotos von Türen, Garagentoren oder Schaufenstern, die an der „Hausfassade“ grüßen, behaupten trotzig die Unverletzlichkeit der Intimsphäre: Alle Türen sind geschlossen, die Fenster mit Gardinen verhängt, die Schaufenster ausgeräumt. Verschlossen und in ihrer kleinbürgerlichen Schäbigkeit ungemein deprimierend wirken diese Zeugnisse deutscher Innerlichkeit der Sechziger und Siebziger. Auch das Zelt, das Ulla von Brandenburg aus alten Fahnen baut, oder der überdimensionale Luxus-Fitness-Raum, den Atelier van Lieshout aus edlen Hölzern gebaut hat, laden kaum zum Verweilen ein.

Dabei braucht es doch manchmal nur weniger Striche, und schon steht der Raum. Dem Österreicher Fritz Panzer ist das gelungen, indem er mit dünnem schwarzem Draht die Umrisse einer Küche an die Wand gezeichnet hat, samt Spüle, Herd und Dunstabzugshaube. Das zarte Spiel der Schatten gibt dem Drahtgeflecht zusätzlich Tiefe, schon ist der ganze Raum gefüllt. Zilla Leutenegger geht ähnlich vor, malt mit schwarzem, dickem Strich Kamin und Bücherregal an die weiße Wand und lässt es dazu mit Holzscheiten freundlich knistern. Der gemütliche Armsessel samt Leselampe muss denn auch nicht lange auf einen Benutzer warten: Die Schweizer Künstlerin setzt einen Schatten hinein, der entspannt mit den Füßen wippt. Victor Man wiederum kehrt wie Jean-François Fourtou ins Haus seiner Großeltern zurück. Der rumänische Künstler braucht nur eine braune Ofenkachel aus dem Haus seiner Großmutter, hübsch mit einem fliehenden Hirsch geschmückt. Berührt man sie, strahlt sie die Wärme eines im Winter bollernden Kachelofens aus. Home, sweet home.

Innerlichkeit und Kleinbürgerlichkeit, Retro-Chic und Zukunftsdesign: Das Thema, so eng gefasst es scheint, erweist sich als überraschend dehnbar. Die Auseinandersetzung mit Architektur und Skulptur im Raum passt ebenso hinein wie die Grenzüberschreitung zu Design und Einrichtung, die der unvermeidliche Franz West mit seinem Sitzmöbel „Cool Book“ ebenso thematisiert wie Mark Kent mit seinen bunt gemusterten Tapeten. Vom Einzelhaus zur ganzen Stadt kommt Ina Weber mit ihren auf Menschengröße verkleinerten Hochhäusern ebenso leicht wie Francesco Simeti mit seinen aus Pappkartons zusammengesteckten Stadtgebilden, die an das „House of Cards“ von Charles und Ray Eames erinnern. Viel Hommage an die Architekturgeschichte ist bei Krijn de Konings an Gerrit Rietveld erinnernder Raumskulptur zu finden, oder bei Marjetica Potrcs „Rural Studio: The Lucy House Tornado Shelter“. Swetlana Heger verkauft einen Quadratmeter in einem französischen Schloss, Ivan Moudov schickt den Besucher per Aufzug in klaustrophobische Höhen, und Mircea Cantor füllt einen ansonsten leeren Raum mit zarten Glockenspielklängen. Miri Segal schließlich kombiniert mit Personal aus der Internet-Welt „Second Life“ ihren eigenen bunten Spielfilm. Den im Kopf, kehrt man erfrischt ins Messegewimmel zurück. Ist nicht jede Messekoje auch ein Zimmer?

„House Trip“, Halle 11.2

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