Atelierbesuch : Markus Lüpertz: Wer im Glashaus sitzt

Der Malerfürst bittet zur Audienz: Ein Atelierbesuch bei Markus Lüpertz in Teltow - aus Anlass seiner großen Retrospektive in Bonn.

Kerstin Decker
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Er mag keine Sofas. Markus Lüpertz an seinem Arbeitsplatz. Foto: Uwe Steinert

Er hat so eine Art, Huldigungen entgegenzunehmen, auch wenn die Huldiger knapp werden in unseren nachfürstlichen Zeiten. Markus Lüpertz irritiert das nicht. Der größte Huldiger eines der größten Maler der Bundesrepublik hieß schon immer: Markus Lüpertz. Nun, kurz vor der Eröffnung seiner bisher größten Retrospektive in Bonn, hat er in sein Brandenburger Atelier geladen.

Zum ersten Mal, wird geflüstert, lässt der Malerfürst die Banausen so nahe kommen. Banausen? Journalisten, Kritiker. Doch Lüpertz wäre nicht er selbst, das so zu formulieren. Er sagt solche Dinge, indem er über etwas anderes spricht.

Teltow Stadt. Eine nagelneue Reihenhaussiedlung, gegenüber das zugehörige Einkaufszentrum, dazwischen vierzig überdachte Baucontainer. Der Fürst – hier? Am Briefkasten steht „Frau und Hund“, wir sind da. Der schmale Flur erinnert an Arbeiterumkleidekabinen, bestückt mit Legionen von Turnschuhen, zwei afrikanischen Masken (Inspiration der Moderne!) und nie gewaschenen Kitteln. Dann weitet sich der Raum, begrenzt nur von Glasfronten zu beiden Seiten – rechts übersichtlich aufgestellt und mit erbarmungslosem Willen zur Idylle die Reihenhaussiedlung, links das Einkaufszentrum. Und in der Mitte der Meister selbst – als er selbst. Also nicht im Kittel, nicht in Turnschuhen.

Markus Lüpertz, der 2010 in Potsdam seine private Kunstakademie „Souci“ eröffnen will, trägt schon am allerfrühesten Nachmittag ein weißes Hemd zum schwarzen Gehrock, das Einstecktuch so kunstvoll gebauscht, dass man diesem Faltkunstwerk am Mann den Titel „Überhängendes“ geben möchte. Seine beiden Riesenringe, mit Totenkopf und ohne, blitzen in die Kameras. Alles an ihm ist eine Spur zu groß, zu auffällig dekoriert, um noch geschmackvoll zu sein. Aber er ist zu klug, zu aufmerksam, das nicht zu bemerken. Das ist interessant.

Der Totenkopfmaler lehnt gelassen an seinem großen schwarzen Flügel, neben sich den Schädel einer Kuh, und erklärt: „Ich bin kein Künstler, der die Avantgarde sucht. Ich suche die Vollendung!“ Die Journalisten schreiben beflissen mit. Der Meister lächelt kaum merklich. Verfasst jemand, dem die Avantgarde schnurzpiepegal ist, eigentlich Manifeste?

In seiner Jugend malten – legitimiert durch ihre Manifeste – fast alle abstrakt. Lüpertz nahm es zum Anlass, das Gegenteil zu tun. Keine Avantgarde ohne Manifest! Das Lüpertz’sche hieß „Dithyrambisches Manifest“ und wollte, frei nach Nietzsche, die Kunst als großen, apollinisch disziplinierten Rausch. Denn alles geht potenziell ineinander über, es gibt nichts Isoliertes – das ist die Dithyrambe, das ist Realismus. Man sah beides, den Rausch und den Realismus, auf seinen Bildern. Der Jungdionysier scheute nicht einmal vor dem Wort „Spargelfeld-dithyrambisch“ zurück, und schon damals, 1968, war er da, der Lüpertz-Ton: „Die Anmut des 20. Jahrhunderts wird durch die von mir erfundene Dithyrambe sichtbar gemacht.“ Bescheidener geht’s nicht.

Kurz nach 14 Uhr, auf dem weiß gedeckten Tisch stehen unzählige Chianti-Flaschen. Der Maler besieht belustigt seine irritierten Gäste. Sein Blick sagt: Nur die da gerade sein Atelier bevölkern, trinken nicht bei der Arbeit und am helllichten Tage. Der Nachmittagstrinker Lüpertz hält sein Glas mit offenem Genuss in der Hand und erläutert das Wesen seiner Bilder: „Natürlich sind sie erzählend, aber so banal erzählend, dass das Erzählte keine Rolle spielt!“

Frage: „Ist das Ihr Stil, Herr Lüpertz?“ Der Fürst antwortet, sein Glas schwenkend, wobei der goldene Totenkopf an seinem Finger funkelt: „Ich habe keinen Stil, ich habe Atmosphäre!“ Sollte er mit diesen Gold- und Silber-Beschwernissen an den Händen wirklich malen können? Oder Klavier spielen? Er kann das, er hat seine eigene Free-Jazz-Kapelle und bereits mehrere CDs aufgenommen. Doch irgendetwas stimmt nicht in diesem Atelier. Es könnte das eines Försters sein. An den Wänden ausgestopfte Reh- und Wildschweinköpfe, sehr viel Geflügel, in der Mitte ein großer alter Sessel – kein Sofa. Jedes Sofa, hat Lüpertz unlängst bekannt, lähmt den Menschen. Und drum herum antike Statuen, teils mit Spinnennetzüberzug und dekorativ in der Glashalle zwischen den vierzig Containern verteilt. Hier residierte einmal die Baufirma, welche in einem ersten Anlauf versucht hatte, die Reihenhäuser ringsum zu errichten.

Was nur fehlt in diesem Atelier? Richtig, Bilder, Skulpturen. Lüpertz-Bilder. Lüpertz-Skulpturen. Der Gastgeber bemerkt den suchenden Blick der Besucher. Wahrscheinlich hält er Ateliers, randvoll mit vollendeten und unvollendeten Werken, für trivial. Vielleicht will er sagen, das eigentliche Kunstwerk in diesem Raum sei ohnehin er selbst?

Immerhin, da ist ein kleiner Herkules aus Gips. Er könnte auch ein Satyr sein, ja Dionysos, der Gott des Rausches und der Dithyrambe. Also ein Halbfestgewordener wie alle Lüpertz-Skulpturen, die verfließende Kontur umspielt seine Möglichkeiten. Lüpertz-Figuren sind Meergeborene, nur dass man es ihnen im Unterschied zu uns noch ansieht – auch der „Philosophin“ vorm Kanzleramt, der Augsburger „Aphrodite“ oder dem Salzburger Mozart. Aber das Publikum schaut gewöhnlich mit unerbittlichem Festkörperblick auf die Schaumgeborenen. Es stürzte in Bamberg einen seiner Köpfe um, und dem Mozart nahm es seine Weiblichkeit übel sowie einen fehlenden Arm. Oder war es ein Bein? Ein Arm mehr oder weniger! Gott schuf den Menschen, und sein größter Konkurrent, der Künstler, schafft ihn um. Das ist Wettbewerb.

Ein besonders humorloser Betrachter hatte den Salzburger Mozart vor vier Jahren rot lackiert und gefedert, weil er ihn für Pornografie hielt – dabei trägt jedes Schöpfertum die Pole des Männlichen und des Weiblichen in sich. Warum das nicht zeigen? Aber nicht einmal seine Mitkünstler verstehen das. Auch Gerhard Richter, einer der teuersten Maler der Welt, hält den Lüpertz-Mozart in Salzburg für Humbug. Ein berühmtes Richter-Bild heißt „Horst mit Hund“. Vielleicht hat Lüpertz seiner „Zeitschrift für kursives Denken“ deshalb den Titel „Frau und Hund“ gegeben.

Die meisten seiner Bilder lehnen dicht an dicht, reisefertig im Container nebenan. Am 9. Oktober beginnt in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland seine Retrospektive. Der 68-Jährige hört das Wort Retrospektive ganz ruhig an, kein Gesichtsmuskel verrät ihn. Dabei ahnt man, wie sehr ihn das Wort bekümmern muss. Für Menschen, die schon alles hinter sich haben, veranstaltet man Retrospektiven. Aber er hat doch noch alles vor sich, auch wenn er seine aktive Fußballkarriere bei „Lokomotive Lüpertz“ beendet hat. Es ist riskant, ein Malerfürst zu sein, denn so einer hat keine guten Halbwertzeiten. Wer kennt schon noch Franz von Lenbach, Hans Makart oder Franz von Stuck, die Malerfürsten des 19. Jahrhunderts?

Und was sagt Lüpertz zur Wahl? „Ich habe noch nie in meinem Leben gewählt“, erklärt er düpiert. Wahrscheinlich glaubt er, das Wählen ist eine Tätigkeit für Kleindarsteller. Gott wählt auch nicht, er beobachtet.

Die große Lüpertz-Retrospektive „Hauptwege und Nebenwege“ ist von 9. Oktober bis 17. Januar in der Bonner Kunsthalle zu sehen. Infos: kah-bonn.de

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