Ausstellungen : Auch ohne Stift

„Grafik im Licht“ in der Berlinischen Galerie

Jens Hinrichsen

Wer unter „Zeichnung“ Linien und Striche auf einem Blatt Papier versteht, wird in der Berlinischen Galerie Überraschungen erleben. Unter den mehr als 300 Arbeiten der Ausstellung „Grafik im Licht“ finden sich auch Aquarelle wie Michael Kalmbachs Darstellung eines kleinen Jungen, der etwas bedrückt über den Gürtelrand einer Riesenhose blickt („Ohne Titel“, 2004). Oder ein großer, mit virtuoser Schere gezauberter Papierschnitt von Gabriele Brasch („Could be you“, 1997). Gezeigt wird alles, was nur alle Jubeljahre die Grafikschränke des Depots verlassen darf – aufgrund der Lichtempfindlichkeit, die Papierarbeiten eigen ist. Und weil es Freya Mülhaupt, der Leiterin der Grafiksammlung, um die Verbindungslinien zur ganzen Sammlung geht, werden in der Alten Jakobstraße ergänzend auch Gemälde, Skulpturen und Architekturmodelle präsentiert.

Auch der zeitliche Rahmen wird weit gespannt. Von den Anfängen der Moderne – Arbeiten aus dem Umkreis der Berliner Secession – bis zur Jetztzeit reicht die Auswahl aus einer über 15 000 Arbeiten umfassenden Grafik-Kollektion. Die Kunst vor dem Zweiten Weltkrieg widmet sich dem Thema „Stadt“. So sind von urbaner Haltung geprägte Titelzeichnungen von Nolde, Kokoschka oder Schmidt-Rottluff für Herwarth Waldens Expressionisten-Zeitschrift „Der Sturm“ zu sehen. Das Berlin der zwanziger Jahre wird im Licht der osteuropäischen Avantgarde betrachtet – für Rodtschenko, Malewitsch oder El Lissitzky war die Metropole eine Art Drehkreuz.

Naum Gabos kompakt dimensioniertes „Monument für einen Flughafen“ (1924/26) aus Glas, Messing und Holz beeindruckt einmal mehr, auch wenn die Skulptur beim besten Willen nicht als Grafik durchgeht. Berlin als bedeutender Zeitungsstadt der Zwanziger widmet sich eine weitere Station; hier dominieren endlich Zeichnungen, nämlich Karikaturen und Zeitkritisches aus der Feder von B. F. Dolbin (genannt der Kopfjäger), Karl Arnold, Jeanne Mammen und Rudolf Großmann. Allein schon diese sympathisierend-netten bis giftsprühenden Exponate hätten eine gewichtige Kabinettausstellung ergeben können.

Die Nachkriegsgrafik – einschließlich der zeitgenössischen Blätter – ist weniger von inhaltlichen Fragestellungen denn von der Suche nach formalen Ausdrucksmöglichkeiten geprägt. Das beginnt mit Tuschezeichnungen von Georg Frietzsche aus den späten Fünfzigern, der Hochphase des Informel. Die Blätter des zu Unrecht Vergessenen faszinieren mit Linienlabyrinthen und knäuelartigen Strukturen. Die Möglichkeiten der Linie erforscht auch Bernhard Garbert mit der Papierinstallation „Endlose Linie“, die speziell für die Ausstellung angefertigt wurde. Der rote Faden der wandfüllenden Puzzle-Arbeit ergibt sich durch immer wieder neu zu kombinierende Blätter aus Transparentpapier. Auch das ist Zeichnung. Völlig ohne Stift. Jens Hinrichsen

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124– 128, bis 7. Januar 2008, Mi–Mo 10–18 Uhr

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