Ausstellung : Auf Wolke sieben

Im Märchenwald: Frank Neyes Puppen-Skulpturen in der Galerie Schröder in Berlin.

Jens Hinrichsen

Überall Wolken. Oder hat sich der Blick für die Wasserdampfgeborene und ihre Schwestern in der Kunst nur geschärft, seit eine Kunsthallen-Wolke für den Schlossplatz in der Kunst- und Galeristenszene für An- und Auftrieb sorgt? Frank Neye, Jahrgang 1966, baut sich seine Wolken und andere Kuckucksheime selber. Vertreten wird der Autodidakt von der Schröder-Galerie, die neben sieben anderen verspielten Neye-Skulpturen auch einen blonden Barbie-Engel „In der gelben Wolke“ im Angebot hat (Arbeiten von 2006 und 2007, 280 bis 3200 Euro). Das wolkige Puppenheim besteht aus bemaltem Drahtgeflecht, die Schöne sitzt mittendrin und reitet auf einem Spielzeug-Jumbo, auf die Neye Pollock’sche „Drippings“ hat niederregnen lassen.

Auch Frank Neye startet zurzeit durch. Von einem Senkrechtflug kann man (noch) nicht sprechen, aber von stabiler Reiseflughöhe durchaus, seit die Skulpturen des Heiligendorfers auf der letztjährigen „Berliner Liste“ Sympathiepunkte gewannen und ihm eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Emden einbrachten, die Neye für Dezember vorbereitet. Eigentlich schade, dass er so lange im Verborgenen „gebastelt“ hat, an seinen trashig-phantastischen Miniaturen, in denen Frank Neye Kindheitsträume von selbstgebauten Labyrinthen, Höhlen, Baumhäusern und Iglus verwirklicht. Träume jenseits aller Omnipotenz, denn die Stellvertreter-Kens und -Barbies führen alles andere als ein unbeschwertes Rollendasein. Neyes „Schneekönigin“ ist in ihren weißblau bemalten Frostfelsen eingesperrt wie Rapunzel in ihren Turm. Woanders verschwindet ein Schaufensterpuppengesicht bis auf Mund und Nase in einem eisigen Helm aus eisblumenartig wucherndem Silikon (die stärkste, weil formstrengste Arbeit). Und die Puppendame „Im goldenen Käfig“ kommt anders als Fragonards 1766 gemalte Rokoko-Schauklerin nicht in Schwung, weil eine runde Wolke wie aus goldenem Stacheldraht die Schöne fesselt. Neyes Arbeiten sind vielversprechende Talentproben und würden den Kunstbetrachter auf Wolke sieben versetzen, wenn’s nicht kleinere Ausreißer gäbe, wo der Künstler allzu viel Kitsch und Trash aufhäuft. Im kompakten SM-Studio („Im Käfig – da wächst Gras drüber“) steckt arg viel Mel-Gibson-Apocalypto und unreflektiertes Guantanamo. Und vielleicht zu wenig Frank Neye.

Schröder-Galerie, Sophienstr. 23, bis 22. 9., Do + Fr 15-18. 30 Sa 13-18 Uhr

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