Ausstellung : Aura und Aquarium

Im Düsseldorfer K21 ist derzeit eine Ausstellung von Jorge Pardo zu sehen. Zu sehen sind unter anderem viele Sitzmöbel des Oberflächen-Künstlers.

Christiane Meixner
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Schwung der Fünfziger. Gemälde von Jorge Pardo im Retrolook (Siebdruck auf Leinwand, 250 mal 400 Zentimeter). Foto: K 21

Gern würde man jetzt auf einem dieser dicken Hocker mit den pop-bunten Bezügen sitzen. Doch die Kette davor und die brummige Frau im Museumsjackett machen deutlich, wie unangemessen so ein Wunsch ist. Etwas weiter im Raum steht eine Art Kabine aus Holz mit diversen Hebeln und einem Videospiel. Doch als ein kleiner Junge darauf zurennt, um zu testen, ob sich damit tatsächlich spielen lässt, wird er vom Personal ausgebremst.

Weshalb also lauter Sitzmöbel im Museum aufstellen, wenn man sie anschließend gegen die Besucher verteidigen muss? Und warum darf man zwar die einladenden Pavillons von Jorge Pardo im Düsseldorfer K21 betreten, aber nichts anfassen, wo doch das meiste hier nach Gebrauchsdesign aussieht? Rund 80 Arbeiten zeigt die Ausstellung, mit der die Sammlung Nordrhein-Westfalen das Werk des gebürtigen Kubaners zum ersten Mal in Europa im musealen Überblick präsentiert. Dabei ist der Künstler längst ein Star und schon Mitte der 90er Jahre angetreten, um den Begriff der Skulptur an seine Grenzen zu treiben. Und vielleicht noch ein bisschen darüber hinaus.

Pardos transparente Farbkugeln aus Glas erleuchten die Kantine im PaulLöbe-Haus des Deutschen Bundestages, die Abgeordneten sitzen auf von ihm entworfenen Stühlen mit Intarsien. Seine Reliefs aus Holz und Spiegelflächen dienten der Berliner Galerie Neugerriemschneider als Fußboden für Messekojen. Und eine grüne Glaskaskade des Künstlers schimmert über dem Tresen des Düsseldorfer Museumscafés. Vor sechs Jahren hat Pardo den hohen Raum umgestaltet. Der Besucher fühlt sich zwischen einem zartgrünen Blasenmuster an der Wand und fließenden Lichtprojektionen nun wie in einem Aquarium. Nun hat das K21 Pardo ein zweites Mal eingeladen, damit er im großzügigen Untergeschoss Arbeiten aus den vergangenen 15 Jahre ausbreitet.

Pardo, das wird beim ersten Blick deutlich, ist ein Meister der sinnlichen Oberflächen. Im Zentrum stehen drei Pavillons, deren äußere Form ein architektonisches Zitat ist. Es bezieht sich auf offene Hütten aus den Tropen, die Schutz vor der Sonne und gleichzeitig einen Ort für Kommunikation bieten. In der Ausstellung fungieren sie als überdimensionale Schatzkästen, in denen der Künstler einen Teil seiner Exponate arrangiert. Wieder wirkt hier manches wie Dekor, anderes hält man für Möbel oder aber für Muster, aus denen sich ohne Weiteres ein schöner Wandschmuck entwickeln ließe.

Vielschichtig sind nicht so sehr die einzelnen Werke. Komplex werden sie erst dank der Verschränkung von Malerei, Skulptur, Design und Handwerk. Auf eine Hirarchisierung der widerstreitenden Bereiche wartet man allerdings vergebens. Es ist, als hätten sich Hans Arp und Charles Eames, Henry Moore und Verner Panton zum fröhlichen Workshop getroffen und die künstlerischen Ideen des einen mit den Design-Entwürfen des anderen schrankenlos verquickt.

Den vermeintlichen Widerspruch zwischen zweckfreier und angewandter Kunst halten Pardos Bilder mit ihren harmonischen Farbverläufen oder auch seine hyperästhetischen Ornamente nicht bloß aus. Sie fordern die Frage nach den Grenzen der Kunst heraus. Seit Jahren entstehen die Arbeiten in einer Art Manufaktur: Bei „Jorge Pardo Sculpture“ (JPS) in Los Angeles arbeiten Künstler, Handwerker und Architekten gemeinsam und schaffen Dinge mit einem seltsamen Doppelcharakter. Solange sie im Museum stehen, werden sie von der Aura des Ortes geschützt – oder alternativ vom Museumspersonal, das sich vehement gegen alle Tast- und Sitzversuche stemmt. Sie sind reine Objekte der Anschauung. In anderen Inszenierungen droht das Werk diesen Anspruch zu verlieren. Ob man es dann gebraucht oder lieber nur ansieht, bleibt jedem selbst überlassen. Bedeutung ist demnach, was man in die Kunst hineinliest.

Vielleicht hat diese Lust, mit der Pardo Kunst und Alltag zusammenbringt und damit feste Definitionen unterwandert, auch dafür gesorgt, dass seine erste Museumsschau hierzulande auf sich warten ließ. Auch in Düsseldorf war man zunächst am schicken Design fürs Café interessiert, bevor man den Künstler in die institutionellen Hallen bat. Zu schön erscheint sein Werk, um echte Kunst zu sein. Zu kalkuliert, als dass es ein Ergebnis purer Inspiration sein könnte.

Dabei begibt sich Pardo mit großer Ernsthaftigkeit in den Grenzbereich, um auszuloten, was im Kontext von Kunst und Design möglich ist. Aus gutem Grund: Wenn sich Malerei und Skulptur so weit aus dem Leben verabschieden, dass sie bloß noch als ästhetische Phänomene aus der Ferne angeschaut werden, dann haben sie irgendwann exakt jenen Status erworben, den man Design nur zu gern unterstellt. Sie sind pure Dekoration.

K21, Düsseldorf, bis 2.8.

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