Ausstellung : Aus dem Zitronenland

Ein Leipziger in Rom: Zeichnungen von Matthias Weischer im Neuen Berliner Kunstverein.

Daniel Völzke

BerlinDie Sehnsucht nach dem Süden hat viele deutsche Künstler verwandelt. Prominentester Vertreter: Goethe natürlich. Italien habe ihn „bis aufs innerste Knochenmark“ verändert, schrieb er. Und schenkte dem Italienkult die grausige Hymne „Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n …“. Jetzt gibt es einen neuen Fall von Knochenmarksverwandlung. Noch bis Januar arbeitet der deutsche Maler Matthias Weischer als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. Der zum Jahresende scheidende Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK), Alexander Tolnay, der schon das zeichnerische Werk von Malerstars wie Daniel Richter oder Per Kirkeby ins Haus holte, präsentiert bereits jetzt Weischers römische Zeichnungen. Und man kann sich nur wundern über diese Grüße aus dem Zitronenland und Sehnsuchtsreich: In diesen Weischers erkennt man Weischer nicht mehr wieder.

Der 1973 im Münsterland geborene Künstler hat in den neunziger Jahren an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Dieser Ort und diese Zeit, das Medium Malerei, Weischers Talent und sein Hang zur Rätselhaftigkeit prädestinierten ihn für den Erfolg unter dem Siegel „Neue Leipziger Schule“. Seit einigen Monaten kann man nun aber erleben, wie die Begünstigten des Zeitgeistes gegen dieses Prädikat anarbeiten, anreden oder sich gleich wie Neo Rauch ganz den Medien entziehen. Weischers Zeichnungen sind auch so ein Ausbruch.

Matthias Weischer malte Bilder von meist freud- und fensterlosen, verwaisten Räumen, schäbige Zimmer, die surreal verstrahlt wirken. An diesen Orten stapelt sich Gerümpel und ergibt keine Inneneinrichtung, überlagern sich Abstraktionen und Muster und ergeben keine Dekoration. Tauchen doch mal Menschen auf, hängen sie wie Geister im Raum, durchsichtig, ineinandergeschoben. Auch die Zeichnungen aus der vorrömischen Zeit zeigten Innenräume, auch in diesen mit trägem Stift gezeichneten Zimmern war die Luft zum Umfallen stickig von schwelender Schwermut.

Und nun das! Die 170 im NBK ausgestellten Arbeiten auf Papier haben nichts mehr mit solcher Kasernierung des Blicks zu tun. In dieser ersten institutionellen Ausstellung Weischers in Berlin kann der Besucher den Weg des Künstlers ins Freie nachlaufen. Zu Beginn seines Aufenthalts in der Villa Massimo zeichnet Weischer noch Ateliersituationen: Stillleben mit geometrischen Kandinsky-Formen. Dann erfassen Auge und Stift die Äste und Blätter der Bäume vor dem Fenster, während sich das Atelier in grober Skizzenhaftigkeit auflöst. Schließlich geht der Stipendiat in die Gärten der Villa und des angrenzenden japanischen Kulturinstituts und hält die unmittelbare Umgebung fest: Zypressen, Büsche, Sträucher, Kieswege, parkende Autos, Wolken, Himmel.

Zehn Zeichnungen pro Tag sollen so entstanden sein. Hatte Weischer meistens seine gemalten Unorte ohne konkrete Vorlage auf die Leinwand gebracht, arbeitet er jetzt nach der Natur, in ihr und mit ihr. Ganz einfach, ganz revolutionär. Und ganz unspektakulär, um nicht zu sagen: langweilig. Es sind Studien, Fingerübungen, klassisch und völlig aus der Zeit gefallen. Weischer nähert sich den Gärten mit einer Vielzahl von Techniken: Aquarell, Radierung, Lithografie, Pastell, Ölkreide, Kohle, Buntstift. Mal werden die Bäume, Sträucher und architektonischen Versatzstücke in liebevoller Detailarbeit und mit Freude am Ornament festgehalten, mal sind Baumkronen nur luftige, farbige Kringel. Hier gibt der Garten Anlass zum schwarz-weißen Spiel mit weichen Kontrasten und Grafitschleiern, dort zum Austesten der Grüntonvarianten. Stets sucht Weischer die direkte Umsetzung in bildnerischen Entwürfen, verzichtet auf kompositorische Raffinesse. Die Folge aus Blättern, im NBK fortlaufend aneinandergereiht, bekommt so selbst etwas Naturwüchsiges, Wucherndes.

Doch noch immer erkennt man in den vielen Hecken, Zäunen, Mauern etwas Ein- und Umhegendes. Die Enge aber ist verschwunden. Vielleicht liegt das an David Hockney, dem Meister des blauen Himmels. Ein Jahr lang nahm sich die amerikanische Malergröße des jungen Kollegen aus Deutschland an. Im Rahmen eines Rolex-Stipendiums trafen sich die beiden in Los Angeles, London, Leipzig, man fuhr durch amerikanische Landschaften. Sie haben das Weite gesucht und die Weite gefunden.

Diese neue lichte Leichtigkeit macht kurz gute Laune. Nicht allein, dass Weischer seine hermetischen Bildwelten aufgebrochen hat. Der rasante Output der kleinen Formen stellt auch eine sympathische Geste der Demut dar für einen Maler, dessen Bilder bis zu 400 000 Dollar kosten. Und doch: Von einem Künstler seines Formats erwartet man mehr als konventionell gut Gemachtes. Es ist ein Aufbruch ins Bekannte, die Leichtigkeit wird in der Masse emotionslose Oberflächlichkeit. So können diese Zeichnungen kaum mehr sein als Zwischenberichte, Schritte in eine neue Richtung.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, bis 23. 12., Di–Fr 12–18 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr. Katalog (HatjeCantz) 39,80 €.

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