Ausstellung : Das große Konzept

Magisch, narkotisch: die Ausstellung "Zwischen zwei Toden" in Karlsruhe geht ans Eingemachte.

Ralph Christofori

Diese Ausstellung verstört. Zumindest hat sie nichts von den derzeitigen künstlerisch-kuratorischen „Happy Hours“, die allerorten kritische Positionen und Reflexionen versprechen und doch nur leichte Drinks servieren. „Zwischen zwei Toden“ geht ans Eingemachte. Den Titel – eine Leihgabe von Jacques Lacan – wollen die Kuratoren Ellen Blumenstein und Felix Ensslin als eine Art Zeitgeist verstanden wissen. „Zwischen zwei Toden“, so die Kuratoren, „ist für uns eine Metapher für Passivität und totalen ‚subjektiven’ Zusammenbruch, zugleich aber auch ein Ausgangspunkt für neue Bedeutungs- und Handlungsmöglichkeiten.“ Das klingt schlimm. Löst man sich von diesen Prämissen, dann ist weit einsichtiger, wie Konzept und Ausstellung zusammenhängen mögen: „Die Stelle ‚zwischen zwei Toden’“, so die Kuratoren weiter, „kann verstanden werden als eine Leerstelle, um die die Ausstellung kreist.“

Verzichtet man auf die konzeptuelle Leerstelle, dann wird bereits an den ersten Arbeiten in Karlsruhe deutlich, welche Symptome, Diagnosen und mögliche Therapien dieser Zustand „zwischen zwei Toden“ hervorbringt. Sue de Beers Videoinstallation „Black Sun“ (2005) besteht aus dem Kulissenbau eines pinkfarbenen Giebelhäuschens, die Innenwände sind schwarz getüncht. Auf einer Doppelprojektion verfolgt man filmische Tag- und Schlafträume, ab und zu rezitiert eine junge Frau Monologe des amerikanischen Schriftstellers Dennis Cooper. Sie wirkt abwesend, narkotisiert, melancholisch, deprimiert – und doch scheint sie an ihrem Zustand Gefallen gefunden zu haben.

In der Videoinstallation „La Passion de Jeanne d’Arc (Rozelle Hospital, Sidney)“ (2004) des venezolanischen Künstlers Javier Téllez sehen wir Frauen unterschiedlichen Alters, die über die pathogenen Muster ihrer Depression oder Schizophrenie sprechen – gegenüber läuft der Stummfilm, den Carl Theodor Dreyer 1928 über Jeanne d’Arc drehte. In diesen Arbeiten geht es nicht um Symptome, sondern um Ursachen und potenzielle Auswege. Die Erfahrung ist äußerst dicht, die ausgestellten Werke fordern die ungeteilte Aufmerksamkeit ein. Insbesondere gilt dies für die narrativen Arbeiten, die sich souverän in dem Schwebezustand „zwischen zwei Toden“ eingenistet haben: wenn etwa in einem Video von Harry Dodge & Stanya Kahn ein Überbleibsel der kalifornischen Hippie-Generation von Selbstfindung, Bewusstseinserweiterung und Rauschzuständen erzählt; oder wenn Martin Dammann in seiner Fotoserie „Soldier Studies“ (2007) die biederen Sehnsüchte deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg dokumentiert.

Dass das Wesen der Subjektivität zwangsläufig an die Grenzen psychischer, politischer und gesellschaftlicher Konditionierungen stößt, ist keine Erfindung der Moderne, aber dieser Umstand wurde durch die fortschreitende Emanzipation des Subjekts immer spürbarer. Rita Ackermanns gezeichnete Kindfrauen in „Toast For no Fear“ (2007) schildern einen Rückzugswinkel, einen Ort, der ständig zwischen kollektiver Sanktionierung und subjektiver Begehrlichkeit changiert. Von Mark Titchners großem Billboard schreit es hingegen in großen Lettern: „And Now What Do You Want?“ Die Frage löst ein Echo aus, das man irgendwo zwischen Angst-, Schuld- und Selbstwertgefühl verorten könnte. Hier kämpft das melancholische Subjekt mit dem Für und Wider des Neoliberalismus: Seht ihr, wir haben euch doch gefragt. Wir haben euch Shopping Malls gegeben – eindrucksvoll sind die Fotografien verlassener „Passages in Metropolis“ von Walead Beshty –, und was macht ihr? Ihr döst im kollektiven Koma vor euch hin und lasst euch mit Krankenversicherungen, langen Wochenenden und dauerhaftem Frieden abspeisen. Nicolás Guagninis Dia-Installation „The Middle Class Goes to Heaven“ (2006) bringt diesen Erfahrungsraum wunderbar rhythmisch zum Schwingen.

So bleibt das Projekt „Zwischen zwei Toden“ bemerkenswert und unbefriedigend zugleich. Bemerkenswert, weil die gezeigten Arbeiten es tatsächlich schaffen, den mutmaßlichen Zeitgeist einer „melancholischen“ Subjektivität herauszustellen, ohne sich in bloßer künstlerischer Selbstfindung oder -entblößung zu erschöpfen. Das ist eine Zustandsbestimmung, die lange nachwirkt. Unbefriedigend aber bleibt die Ausstellung, wenn man den mächtigen theoretischen Überbau zu Rate zieht: Freud, Lacan, Kristeva, Zizek, Ehrenberg, Agamben – und dann auch noch auf Englisch, weil es keine deutsche Ausgabe des Kataloges gibt.

Die Arbeiten der Ausstellung jedenfalls brauchen diesen Überbau nicht. Sie bringen es deutlicher auf den Punkt. „I worshiped the end“, sagt das junge Mädchen in Sue de Beers pinkfarbenen Häuschen. „It’s a great concept.“ Es fällt schwer zu entscheiden, mit welcher der beiden Einstellungen einen die Ausstellung entlässt.

ZKM / Medienmuseum Karlsruhe. Bis 19. August 2007

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