Ausstellung : Das zweite Gesicht

Malerei als Menetekel: "1937" - eine große Ausstellung in Bielefeld.

Nicola Kuhn
Max Ernst
Der Teufel, möglicherweise. Max Ernsts "Hausengel", 1937. -Foto: Katalog

Zwei Dutzend Männer und Frauen in schweren Mänteln, die Köpfe unter breitkrempigen Hüten und Mützen: Eng stehen sie am vorderen Bildrand beieinander, mit dem Rücken zum Betrachter, den Blick hinauf zum schlierigen graublauen Himmel gerichtet. Von dort oben kann nichts Gutes kommen. „Erwartung“ hat Richard Oelze sein 1935-36 im Pariser Exil entstandenes Gemälde genannt – schon vier Jahre nach seiner Entstehung erwarb es das New Yorker Museum of Modern Art. Noch heute verkörpert das Bild die Ahnung der historischen Katastrophe, die bald folgte, vom Künstler seismografisch erspürt.

Das Werk ist programmatisch – und kommt doch zwei Jahre zu früh für die große Bielefelder Ausstellung, deren Titel lakonisch „1937“ lautet. Für Kunsthallen-Direktor Thomas Kellein ist 1937 das Schicksalsjahr: Spätestens jetzt rüttelt das Bombardement Guernicas die Künstler gnadenlos wach, und die Femeausstellung „Entartete Kunst“ öffnet auch dem letzten Träumer die Augen. Bilder dieses Jahres umflort deshalb ein besonderer Schatten, eine tiefe Melancholie, so die These der bislang ehrgeizigsten Schau des Ausstellungshauses: 400 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und Filme von 180 Künstlern wurden von 140 Museen und Privatsammlungen zur Verfügung gestellt.

Das Panorama der Produktion der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre ist einmalig – zumal die Kunstgeschichte diese Etappe nie sonderlich gewürdigt hat, schließlich befanden sich die meisten Künstler auf halbem Weg zwischen Anpassung und innerer Emigration. Die Ausstellung zeigt im internationalen Vergleich, wo die Avantgardisten nach vier Jahren Naziregime und zwei Jahre vor Kriegsausbruch standen. Arno Brekers pathetischer „Prometheus“ im Entree des nüchternen Philipp-Johnson-Baus, umgeben von Propaganda-Bildern, die den deutschen Arbeiter und das neue Körperideal feiern, verdeutlichen den Abstand zu den widerständigen Werken.

Die eigentliche Leistung der Ausstellung, einen opulenten Querschnitt der Kunstproduktion von 1937 aufzublättern, gereicht ihr gleichzeitig zum Nachteil: Die in zehn Kapitel aufgeteilte Schau tippt immer nur an, was eine Vertiefung wert gewesen wäre. Die amerikanische Malerei im Zeitalter der Rezession, die vom politischen Aufbruch mitgerissene Kunst in der Sowjetunion, das ambivalente Menschenbild in der Skulptur oder die vom Duce geförderten italienischen Aeropitturisten werden nur gestreift, wenn auch mit eindrucksvollen Werken.

Ein Höhepunkt ist die Abteilung surrealistischer Malerei, die eine eigene These entwickelt. Derzufolge ist mit dem Jahr 1937 die Zeit der harmlosen Rätselspiele, der lustvollen Experimente mit neuen Methoden wie der Frottage endgültig vorbei. Der Surrealismus politisiert sich. Max Ernst, der größte Erfindergeist, findet für die Bedrohung, die Richard Oelze nur als sinistre Wolkenbildung erahnt, 1937 eine konkrete Figur: den „Hausengel“. Er selbst hat später das über einer wüsten Landschaft schwebende Monsterwesen „eine Art Trampeltier“ genannt, das alles, was ihm in die Quere kommt, vernichtet. „Das war mein damaliger Eindruck von dem, was in der Welt wohl vor sich gehen würde, und ich habe damit recht gehabt.“

Auch René Magrittes enigmatisches Gemälde „Die Entdeckung des Feuers“ von 1936 lässt den Betrachter die Bedrohlichkeit sofort spüren: Eine Posaune brennt lichterloh, was sie vom Material her kaum kann. Die erste Reaktion ist „Alarm!“, die zweite „Zu spät“. Unweit hängt „Der Mann in Ruinen“ von Karl Hofer, Rudolf Schlichters „Blinde Macht“, Magnus Zellers „Der totale Staat“.

Kein Zweifel, diese Künstler hatten alle das zweite Gesicht, sie sahen das Unglück kommen und gaben ihm in ihren Bildern Gestalt. Das böse Erwachen, das sich hier so eindrucksvoll dokumentiert, führt jedoch zu keinem Handeln; auch die Ausstellung beschränkt sich scheinbar darauf, einen kunsthistorischen Moment innerhalb der politischen Geschichte zu illuminieren. Und doch, das Ergebnis ist ein kulturhistorischer Parcours – mit Bildern als Beleg.

Kunsthalle Bielefeld, bis 13. Januar; Katalog (Ernst Wasmuth Verlag), 32 Euro.

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