Ausstellung : Der Krieg ist nie vorbei

Heute öffnet Raffael Rheinsberg sein Kunstprojekt in einem Berliner Hochbunker der Öffentlichkeit. Seine Arbeit mag aus Relikten vergangener Tage bestehen, seine Botschaft ist aktuell: „Eine Nachkriegszeit gibt es nicht“.

Anna Pataczek
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In Reih’ und Glied. 3000 Einzelteile von deutschen Panzern und U-Booten. -Foto: Thilo Rückeis

Jahrzehntelang verbarg er seine Geschichten hinter meterdicken Mauern. Fast schien er sich wegzuducken unter dem Wohnhaus, das in den Siebzigern wie ein Riegel über ihn gebaut wurde. Doch von heute an kann man ihn betreten, den Hochbunker an der Pallasstraße in Schöneberg. „Das Monster ist offen“, sagt Künstler Raffael Rheinsberg.

Er und Lilli Engel nutzen diesen Ort für ihre gemeinsame Ausstellung „Maikäfer flieg“. Durch den engen Eingang geht es hinauf in die erste Etage des dreistöckigen Betonkolosses. In einem Raum liegen auf dem Boden ausgebreitet 3000 Einzelteile, Fundstücke, die Rheinsberg zusammengetragen und sorgsam auf eine rechteckige Grundfläche geordnet hat. Es sind verrostete Zahnräder, Winkel, Scharniere und Plättchen, Maschinenteile von U-Booten und Panzern aus deutscher Produktion. Einige Gegenstände liegen, andere stehen, sodass sich eine Art Relief abschreiten lässt, in etwa fünfzig Schritt Länge und fünf Schritt Breite. Die grafischen Formen antworten aufeinander, in mancher lässt sich Schönheit entdecken. Dabei ist jedes Teil Platzhalter für Zerstörung und Krieg. Und in jedem maschinell gefertigten Stück steckt Menschenarbeit. Rheinsberg setzt noch eins drauf: An einem Ende des Raumes hat er einer Bombe einen Umhang aus Blümchenstoff umgelegt. Aus der Ferne sieht das aus wie ein Mensch, wie eine Schutzmantelmadonna.

Rheinsbergs Arbeit mag aus Relikten vergangener Tage bestehen, seine Botschaft ist aktuell. Der 1943 geborene Künstler sagt, „eine Nachkriegszeit gibt es nicht“. Schließlich gebe es auf der Welt immer noch Krieg. Dazu passen die Gemälde von Lilli Engel. Sie tragen Namen afghanischer Städte, Kriegsschauplätze. Doch alles Gegenständliche ist darauf vernichtet. Die Malerin kratzt die Farbe von den bis zu zwanzig Jahre alten Leinwänden ab, die sie immer wieder von Neuem übermalt, sie sehen verwittert aus. Engel und Rheinsberg setzen sich immer wieder mit dem Krieg künstlerisch auseinander. Der Tag der Ausstellungseröffnung ist bewusst gewählt. Es ist der 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen – der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

700 Hochbunker gab es im nationalsozialistischen Berlin. 1944 begannen die Arbeiten in der Pallasstraße. Der Bau ist für das Fernmeldeamt der Deutschen Reichspost in der Winterfeldtstraße bestimmt. Es zieht jedoch nie ein. Dafür findet die Zivilbevölkerung in Bombennächten Schutz hinter den Mauern, die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion bis zu 14 Stunden am Tag errichteten. Im Zuge der Entmilitarisierung werden nach dem Krieg Zwischendecken und Treppenanlagen im Inneren gesprengt. Gänzlich abgerissen wird der Bunker jedoch nie. 1986, im Kalten Krieg, ordnete der Innensenator an, ihn als ABC-Schutzraum auszubauen. Kurz zuvor hatte Wim Wenders einen Teil seines Films „Der Himmel über Berlin“ hier gedreht. Heute gibt es noch etwa siebzig bis achtzig Hochbunker in der Stadt, die meisten sind längst umgewandelt zu Wohnhäusern oder Lagern. Anfang 2009 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg, den Bau an der Pallasstraße unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Eine Entscheidung des Landesdenkmalamts wird noch in diesem Jahr erwartet. „Ich bin optimistisch, dass das klappt“, sagt Katharina Kaiser vom Kunstamt des Bezirks, das die aktuelle Ausstellung verantwortet.

Bisher hat es vereinzelt Führungen durch den grauen Koloss gegeben. Nun hängen Tafeln im Eingangsbereich und erzählen zum Beispiel von Maria Derewjanko, die als zwölfjähriges Mädchen mit ihren beiden Brüdern und ihren Eltern 1943 aus der Ukraine nach Berlin ins „Augusta-Lager“ verschleppt wurde. Das Lager befand sich in der evakuierten Augusta-Schule, der heutigen Sophie- Scholl-Oberschule. Dort waren mehrere hundert Zwangsarbeiter untergebracht. Wohin genau Maria deportiert worden war, wusste sie damals nicht.

Nur einmal, in einer Nacht, als das Mädchen im Bunker saß, schnappte es ein paar deutsche Worte auf – und die Nachricht, die Augusta-Schule sei von einer Bombe beschädigt worden. Daran konnte sich Maria erinnern, als sie 1994 der Schule einen Brief schrieb. Seit der ersten Kontaktaufnahme setzt sich die Schule mit ihrer Geschichte und der des Bunkers auseinander. Allen voran Bodo Förster, Geschichtslehrer. Seit er Namen und Gesichter kennt, ist für ihn der Bunker mehr als „einfach nur ein grauer Klotz“. Und er weiß von vielen aus der Nachbarschaft, dass sie neugierig sind, endlich einen Blick hineinwerfen zu können. „Der Bunker ist ein Objekt der Begierde“, sagt Förster.

- Hochbunker, Pallasstr. 30, 2. 9. bis 25. 10., Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei

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