Ausstellung : Der Traum vom großen Los

Das Dresdner Hygiene-Museum sucht nach dem "Glück" – und vermag es nicht darzustellen.

Thomas Lackmann
Glück
Szenografisches Objekt von Meschac Gaba. -Foto: David Brandt

Die graue Maus in der Ecke des tiefseeweltallblau-schwarzen Geheimnissaales ist so groß, dass ihr ein Sturzhelm passt. Sie kauert vor einer gespannten Mausefalle und überlegt noch. In der Mitte des Raumes posieren Männer in speziellen Schutzanzügen. Der Taucher verrenkt sich in der Schwärze des Meeresgrabens. Der Astronaut im Shuttle steht wie ein Denkmal überm Feuer seiner Raketentriebwerke. Zwei Vitrinenhelden der Extremsportarten: Freizeithedonisten und Profipioniere auf der Jagd nach dem ultimativ erfüllenden Kick. Die Sturzhelm-Maus, deren Begierde, Erregung und Befriedigung im finalen Sekundentaumel zusammenschnurren könnten, verkörpert die Moral von der Geschicht’.

Meschac Gabas szenografische Objekte kommentieren die Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums heiter und hintergründig. Der Künstler aus Benin symbolisiert das Thema „Glück – welches Glück“ durch eine dornige Rose, die dem Belohnungszentrum des Menschenhirns entsprießt. Im Saal „Neuronen“, wo die biochemischen Abläufe der Glücksempfindung erklärt werden, watschelt ein interaktives Gehirnmodell auf Plattfüßen über die neurologische Kopflandkarte des Fußbodens. Im Saal „Restaurant“ hat Gaba vor einer Karte zur globalen Ernährungssituation Patricia Wallers quietschbuntes „Buffett“ installiert: eine Delikatessentafel der Hummer, Eier, Schnittchen und Käsesortimente als niedliche Häkelarbeit. Jenseits solcher Pointen setzt sich die Kuratorin Claudia Banz zwar ernsthaft mit Glücksforschung und Wohlstandsdepressionen auseinander wie auch mit jenem demoskopischen Ergebnis, demzufolge die Anteile der sich „glücklich“ nennenden Probanden durch bessere materielle Versorgung kaum zu steigern sind. Aber das Glück erklären, räumt die Kuratorin ein, könne diese Ausstellung leider nicht.

Schlimmer noch: Sie macht nicht wirklich glücklich. Insofern mag der Besucher ruhig darauf verzichten, sich im Saal „Musik“ unter kreisender Discokugel per Kopfhörer Dröhnungen aus dem Sound- menü einzupfeifen. Er krieche aber wenigstens zum Selbstversuch in die mit kolorierten Flokatis gepolsterte Karaoke-Box. Singen regt das Belohnungszentrum des Gehirns zur Ausschüttung des Hormons Oxytocin an, wird uns mitgeteilt, während die Konzentration der Stress- und Aggressionshormone Cortisol und Testosteron abnimmt. In dieser Kiste kommt es aber nicht zum Gesang.

Die Luft ist stickig. Die Karaoke-Nummern – „I am what I am“, „Dancing Queen“, „Männer“, „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ – sind nach dem Drücken des Startknopfes nicht mehr zu stoppen (technische Begabung = Glücksache!). Erlösungs-Feeling stellt sich erst ein, sobald man wieder draußen ist und aus freien Stücken ein Kitschliedchen der 1930er Jahre summt. Eine Trivialphilosophie, in der beide Glückssorten, der Hauptgewinn und die bleibende Lebensqualität, kombiniert werden: „An einem Tag im Frühling klopft das Glück an deine Tür, und die Welt erstrahlt im goldnen Schein. Man reicht dem Glück die Hände, laß es nie mehr fort von dir, und es kehrt für immer bei dir ein. Für jeden kommt die Stunde, da ihm die Sonne lacht, und wo Fortuna endlich, mal Winke-Winke macht …“

Fürs Winke-Winke ist immerhin ein Separeé eingerichtet worden. Während alle anderen Räume um „Happiness“/„Felicitas“ kreisen, um die Beschaffenheit des wiederholt oder dauerhaft erfahrbaren Glücks, geht es im letzten, dem „Fortuna“-Raum, um das (unver)fügbare Geschick. Da paradieren antike Götter: Fortuna auf der unstet rollenden Kugel, Tyche mit dem Füllhorn des Überflusses und Kairos, der halbglatzige Gott des optimalen Zeitpunkts, mit jener Stirnlocke, an der man die „Gelegenheit beim Schopfe packt“. Solche Geistesgegenwart freilich erfordert Energie, und die ist dem Rezensenten abhanden gekommen. Er wankt zwischen Labyrinthmauern aus Glasbausteinen, in denen bunte Banknoten locken, vorbei an einer Schultafel mit der todsicheren Gewinnformel, neben einer dicken Lotterietrommel von 1750 hinein in Fortunas Privatissimum: auf eine weiße Ledercouch, vor einen Mega-Flachbildschirm. Die Wirbelsäule jubelt. Dies scheint endlich doch der Moment reinen Glücks zu sein – wenn nur die Fernbedienung zur Hand wäre…

Hier, im letzten Saal, wird der glückhafte Zufall ausgestellt: die unverhoffte Erfindung des Teflons, des Anilins, der Post-It-Klebezettel. Vor einer alten Schreibmaschine, Marke „Fortuna“, sitzen unendlich viele (unsichtbare) Affen und tippen, wobei einer von ihnen – behauptet die Wahrscheinlichkeitsrechnung des „Infinite Monkey Theorem“ – irgendwann versehentlich alle Werke Shakespeares geschrieben haben wird. Fortuna-Controlling ist die moderne Illusion des organisierten Gelingens: das persönliche „Streben nach Glück“, ein Menschenrecht der US-Verfassung, erfolgreich ans Ziel zu bringen. Dass es wenig bringt, ein großes Los zu ziehen, wenn man nicht weiß, wie man eigentlich leben möchte, hat die Ausstellung bis zu diesem Punkt dokumentiert. Expertenkommentare verdeutlichen außerdem die Unübertragbarkeit jeder Glückserfahrung. Kaum zu glauben, dass Sokrates („Das Glück wohnt in dem Menschen, der die Wahrheit sieht“) und Thomas von Aquin („Klugheit betrachtet die Wege der Glückseligkeit; Weisheit aber betrachtet den Inbegriff der Glückseligkeit selbst“), Oscar Wilde („Das Geheimnis des Glücklichseins ist, Versuchungen nachzugeben“) und Ricarda Huch („Glück ist etwas, was man geben kann, ohne es zu haben“) vom selben Gegenstand reden.

Die jeweilige Formel fürs höchste der Gefühle gehört zum Kern der Persönlichkeit. Schon deshalb verharrt die Ausstellung in ironischer Distanz zu ihren Erzählungen und bietet keine berauschende Seligkeitssimulation. Glück ist eben bestenfalls subjektiv zu haben und objektiv nur – in den Denkmustern der „negativen Theologie“, wie die Mysterien „Liebe“, „Gott“ oder „Frieden“ – über seine Kontraste zu definieren. Gleichwohl enttäuscht die Kälte, mit der im Raum „Utopien“ die beliebten Menschheitsdrogen Sex und Religion abgehandelt werden. Eine poppige Masturbationsallegorie befriedigt uns an dieser Stelle so wenig wie die Präsentation religiöser Kultfiguren; zumal die Parallelen von Gnaden- und Glückstheorie und auch mystische Erfahrungen spiritueller Traditionen übergangen werden. Dagegen bringt uns die altgermanische Vokabel „luk-a“ der Lösung des Rätsels näher. Dieses Wort drückt aus, dass sich etwas unerwartet fügt oder schließt. Dass etwas zusammenpasst. Hier entsteht Glück offenbar aus dem Dialog – zum Beispiel im Zusammenklang des Kairos-Moments, der unbedingten Gegenwartswahrnehmung, mit der „Happiness“-Erfahrung. Hier entsteht Glück aus dem Erlebnis, ganz und eins mit sich zu sein – und sei es durch die Radikalreduktion auf ein Zentralbedürfnis.

Wie allerdings Augenblicke schicksalhafter Fügung und das (vielleicht schon vorhandene) eigene Lebensglück tatsächlich zu erkennen wären, wie Ratio und Eingebung ineinanderfallen, wie ein bewusstes Leben im Jetzt die Paradiespforten öffnen könnte: Das hat, auf seine Weise, im Jahr 1968 Joseph Beuys vorgeführt. Sein lakonisches Objekt „Intuition“ an der Wand des Fortuna-Saals wirft uns zurück auf unsere Wünsche, Projektionen – und das Nichts. Ein leeres Kistchen aus Holz. Ohne Deckel. Eine Maus, eine ohne Helm, würde hineinpassen.

Dresden, Deutsches Hygiene-Museum, bis 2. November.

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