Ausstellung : Die Bisky-Boys

„Ich war’s nicht“ - Der Berliner Maler Norbert Bisky schlägt mit seiner Ausstellung im Haus am Waldsee neue Wege ein. Den Skeptikern wird es leichter fallen, Bisky zu mögen. Vielleicht ist das sein Fehler.

Daniel Völzke
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Kalter Stolz, surreale Welt. Der Künstler Norbert Bisky vor seinem Gemälde "Armageddon". -Foto: ddp

Das haben sie mal so richtig gebraucht, all die weizenblonden Racker und durchtrainierten Recken. Plötzlich fliegen die Fetzen und schäumt die Wut in den neuen Bildern. Noch immer tragen diese Schönheitsbestien diesen jugendlichen, kalten Stolz an sich – doch nun sind die Gesichter verzerrt von Schmerz und Lust, verklebt von Blut und Sperma. Eine Drastik hat sich eingeschlichen in die einstigen Wunschwelten, eine Dramatik, die niemand Norbert Bisky zugetraut hat. Aus seinen Jungpionieren sind Kannibalen geworden, die sich gegenseitig auffressen. So wie die sture Ikonografie des 37-Jährigen ein Bisky-Bild nach dem anderen verschlungen hat, so wie jede Arbeit aufging in der Selbstähnlichkeit des Gesamtwerks.

Ein Befreiungsschlag also? Ein Versuch zumindest. Bisky malt immer noch Bisky-Bilder, bevölkert mit den Bisky-Boys. Und doch: Böser sind sie geworden, auch surrealer. Das Luftige, Schwebende früherer Arbeiten ist einer dunkleren, zerrisseneren Komposition gewichen. Statt zu schweben, hängen die Gestalten verletzt im Ungewissen, auf die Folter gespannt zwischen Stromleitungen und abstrakten Farbexzessen.

„Ich war’s nicht!“ nennt der Berliner Künstler seine Ausstellung im Haus am Waldsee, in der die Produktion der letzten zwei Jahre zu sehen ist, Kleinstformate und Riesenbilder. Ein Titel, als wolle der Maler ironisch Abbitte leisten für die neuen Grausamkeiten. Und als könne er damit den permanenten Vorwürfen begegnen, die sich an sein Werk knüpfen: dass er sich totalitärer Ästhetiken bediene, nationalsozialistischen und stalinistischen Körperkult und Körperkitsch adaptiere. Bei diesem Maler schaute man stets genauer hin. Bisky, aufgewachsen in der DDR als Sohn der späteren PDS-Größe Lothar Bisky, Bisky, der schwule Künstler, der in bonbonfarbener Leichtigkeit Zuneigung zu seinen blauäugigen, blonden Überjungs bekundete, Bisky, Lieblingsmaler der FDP-Ulknudel Guido Westerwelle, überhaupt: Bisky, der Erfolgsmaler, der international höchste Preise erzielt. Bisky: zu glatt, zu affirmativ, zu spaßig, zu erfolgreich.

Auch im Vorfeld der großen Berliner Schau musste der Künstler sich die ewig gleichen Fragen gefallen lassen, die er mit trotziger Geduld beantwortete: Ja, das Verhältnis zum Vater sei gut; Westerwelle habe 2001 das letzte Bild von ihm gekauft; die homoerotischen Pin-ups seien doch nur Parodien schwuler Pornografie. Das Parodistische der Bilder wurde tatsächlich lange übersehen. Stattdessen sortierte die Kritik Bisky problemlos in das Fach: ostdeutscher Erfolgskünstler, der mit nostalgischem oder gar konservativem Inventar punktet. Und dazu noch in einem rückwärtsgewandten Medium: der Malerei.

Norbert Bisky spielt mit all diesen Erwartungen. Im ersten Ausstellungsraum wartet das wunderbare, großformatige Ölbild „Alba“. Es zeigt nicht etwa blonde Blauäugigkeit, sondern dunkelhäutige Jungen. Eine Ansage, wenn auch bemüht. Ein paar Schritte weiter überrascht eine Skulptur: Ein Schuh steckt in einem blonden Haarschopf. Der Titel der Arbeit lautet platterdings: „Achtung Metapher!“ Die surreale Verrätselung in den neuen Bildern versöhnt mit solchen lauen Pointen und Belehrungen. Fachwerkhäuser stehen wacklig auf den Horizonten, über den Giebeln turnt Lawrence von Arabien, hinter Ecken schauen Leute hervor und hier und dort strullen Portalfiguren in pathetischer Erhabenheit weiße Diagonalen durch den Bildraum.

Überzogen wird nun auch der Fingerzeig auf den pornografischen Blick: „Bukkake Tsunami“ nennt der Maler das Bild eines Jungengesichts, das mit weißen Spritzern bedeckt ist. Das seien keine Spritzer, erklärt Bisky spitzbübisch im Künstlerbuch, mit dem der Prestel-Verlag parallel zur Ausstellung die Buchreihe „Kunstwerkstatt“ eröffnet, die Einblick gibt in das Schaffen junger Künstler. Diese vermeintlichen Tropfen auf dem Gesicht sind nur weiße Leinwand – also habe er nichts Anstößiges gemalt. Der Betrachter immer mit seinen Vorurteilen … „Ich war’s nicht“

Der schelmische Ausstellungstitel liest sich gleichzeitig als Verbeugung vor Vorbildern, Lehrern und Freunden. In der Schau hängen Arbeiten von Weggefährten im Dialog mit Biskys Bildern: Bei Jim Dine erkennt man die Freistellen, die auch bei Bisky so wichtig werden, bei Nicole Eisenman die gleiche Freude an der Ornamentik, bei K.R.H. Sonderborg destruktive Abstraktion, bei Katharina Grosse die offensive Farbigkeit. Im zentralen Raum stehen sich wie im Duell Arbeiten von Bisky und Baselitz gegenüber. Der Jüngere hat bei Baselitz studiert; vielleicht sollte man eher über diese Vaterfigur reden als über den leibhaftigen Vater.

Letztendlich aber arbeitet sich Norbert Bisky mehr an sich selber ab als an Vorbildern. Er hat den Bruch gewagt: Eine neue Freiheit weht durch diese Bilder, die Schönheit ist einer kaputten Schönhässlichkeit gewichen. Den Skeptikern wird es leichter fallen, Bisky zu mögen. Vielleicht ist das sein Fehler – es allen recht machen zu wollen. „Ich war’s nicht“ bedeutet leider zu selten: „Ihr könnt mich alle mal!“

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 13. 1.; Katalog 14,80 Euro.

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