Ausstellung : Die große Stille

Anti-Spektakel: Das Museum MARTa Herford würdigt in seiner aktuellen Ausstellung das Schweigen.

Beate Depping
MARTa schweigt Foto: ddp
Korinthische Keramik: "MARTa schweigt - Die Kunst der Stille"Foto: ddp

Mit Pauken und Trompeten kommt die Kunstszene derzeit daher, mit Biennale, Documenta und Skulptur Projekten. Ein lärmender Kunstzirkus, in dem die Großen groß heraus kommen, die Kleinen aber untergehen. Aus der Not eine Tugend macht Jan Hoet, der 1992 selber mal Documenta-Chef war, und inszeniert in seinem Museum im ostwestfälischen Herford die große Stille. Rundum lärmt es – und „MARTa schweigt“.

Ein Gegenentwurf. Der Titel klingt verheißungsvoll. Und schon ist man mitten in der Dialektik des Schweigens – als Verweigerung ebenso wie als Strategie der Kommunikation. Wie stumm ist der schweigende Betrachter? Wie still das hermetische Kunstwerk? Kann das Schweigen von Marcel Duchamps die letzte Antwort sein? Oder wird eben dieses Schweigen doch, wie Joseph Beuys feststellt, eindeutig „überbewertet“?

In den Werken dieser beiden Künstler, die jeweils mit mehreren Exponaten vertreten sind, liegt der Keim zu einem Dialog, der die gesamte Ausstellung durchzieht. Der Ausstellungsbesucher verharrt vor Werken, die die Aussage verweigern: Zwei Kreise von Richard Long aus abgestorbenen Ästen und aus Steinen kommen mit der meditativen Stille tibetischer Mandalas daher. Warhols „Electric Chair“ gemahnt an die Endgültigkeit der Entscheidung, jemanden durch den Tod zum Schweigen zu bringen. Ob die monochromen Gemälde von Yves Klein und Gerhard Richter, die leeren Holzobjekte von Donald Judd, oder der mehr oder weniger unbehauene Stein des Ulrich Rückriem: Das Schweigen, die Stille, die Leere weisen über sich hinaus.

Jan Hoet spricht von einer „Aura unsichtbar anwesenden Schweigens“, und sie ist förmlich greifbar in den Sälen. Aber sie genügt sich nicht als Selbstzweck, sondern ist spürbare Aufforderung zur Auseinandersetzung. Niemand kommt darum herum, sich angesprochen zu fühlen. Nicht weil Antworten von außen auf ihn eindringen, sondern weil er beginnt, Fragen zu stellen, ohne abschließende Antworten. Ein Dialog, den das MARTa erweitert um die Perspektive auf jenes Schweigen, das nicht beabsichtigt ist.

Einen Hinweis gibt schon im Eingang der Terracotta-Sarkophag aus einem etruskischen Grabmal. Hier geht es um das Schweigen einer Kultur, die im Dunkel der Geschichte verschollen ist. Im Obergeschoss dann Vasen und Amphoren, Ringe und Fibeln als Zeugen der Kultur der Etrusker. Schnell wird klar: So schwer es der zeitgenössischen Kunst ist, den Zustand des Schweigens durch bewusste Auseinandersetzung zu erreichen, so wenig scheint das Schweigen zu durchbrechen zu sein, das die Geschichte über eine ganze Kultur ausgebreitet hat.

Im Grunde ist die Ausstellung die Rückbesinnung auf eine verinnerlichte Kunstrezeption, wie sie seit der Aufklärung favorisiert und in den Museen allenthalben praktiziert wird. Insofern nichts Ungewöhnliches. Oder vielleicht doch wieder ein Novum. Angesichts zunehmender Kulturevents mag es schon ein Wert an sich sein, wenn gezeigt wird: Im Mittelpunkt steht die Kunst. Die an und für sich schweigt. Was zum Klingen kommt, ist nicht mehr, als sich im Inneren des Betrachters findet. Und so mag das Schweigen beim Einen stumm bleiben, beim Anderen aber sich als beredt erweisen.

MARTa Herford, bis 7. Oktober

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