Ausstellung : Die Welt im Schwung

In der Galerie C&K Unterwegs sind Bilder von Lubomir Typlt und Werke von A. R. Penck aus DDR-Zeiten zu sehen. Mit ihrer Hommage gratuliert die Galerie dem Maler zum 75. Geburtstag

Michael Nungesser
Von 1996 stammt das Blatt „Kraftfeld Kampf“
Von 1996 stammt das Blatt „Kraftfeld Kampf“Foto: c&k / VG Bildkunst, 2014

Vieles verbindet die beiden Protagonisten der Ausstellung in der C & K Unterwegs Galerie. Das reicht vom Lehrer-Schüler-Verhältnis über das Medium des fließend malerischen Bildkomponierens auf Papiergrund bis hin zur Zahlenmagie. 75 Jahre zählt der eine, 1975 geboren wurde der andere: Die Rede ist von Ralf Winkler, der unter dem Namen A.R. Penck Kunstgeschichte geschrieben hat und bis 2003 an der Kunstakademie in Düsseldorf lehrte (er lebt heute in Dublin). Und von Lubomir Typlt, der bei Penck Meisterschüler war und ebenda auch bei Markus Lüpertz und Gerhard Merz studierte. Während Pencks Bilder die Auswahl aus einer 1975 gemalten Reihe von Mischtechniken darstellen, die keine Titel tragen (je 13 000 Euro), stammt Typlts Serie von Gouachen (je 800 Euro) aus dem laufenden Jahr.

Um Penck ist es in den vergangenen Jahren ruhig geworden

Um den aus Dresden stammenden, unangepassten und deshalb 1980 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelten vielseitigen Künstler A.R. Penck ist es in den vergangenen Jahre ruhig geworden. Dabei hat er als eine Vaterfigur des Neoexpressionismus gleich mehrfach an der Documenta teilgenommen. Ausnahmen machen seine Retrospektive in der Frankfurter Schirn von 2007 und aktuell die große Werkschau „Zwischen Licht und Schatten“ in den Kölner Räumen der Galerie Michael Werner. Sie präsentiert Arbeiten aus 2013 – jenem Jahr, in dem ihn die einflussreiche US-Kritikerin Roberta Smith in der New York Times als einen der visionärsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit bezeichnete und seine neueren Bilder als „the best paintings he’s made in years“.

In Berlin begegnet man dank eines nachgedruckten Skizzenbuchs von 1970 (800 Euro) und einigen Grafiken, darunter die Radierung „Kraftfeld Kampf“ von 1996 (3400 Euro), jenem archaisierenden „Standart“-Künstler, auf den Penck gerne reduziert wird. Im Zentrum stehen jedoch in der DDR entstandene Papierarbeiten: großformatig, lebendig, bewegt und bewegend. Penck hat hier in Aquarell, Tempera und Tusche experimentell ein beeindruckendes Spektrum von Gestaltungsmöglichkeiten durchgespielt.

Die Bilder von Lubomir Typlt zeigen absurdes Welttheater

Hier umreißt er mit nur wenigen Pinselstrichen oder Tupfern das Motiv, das von erkennbaren Gesichtern über figürliche Silhouetten, vegetative Urstrukturen und gestisch-schwungvoll aufgetragene Formen bis zu fast ornamentalen Mustern reicht. Meist sind die Bilder in nur einer Farbe gehalten, in Schwarz und wässrigen Graustufen, Braun, Blau oder Rot. Immer trägt Penck die Farbe locker und mit Verve auf, transparent, gleichsam atmend, mit großer Intensität und gestalterischer Leidenschaft. Anscheinend in einem Schwung entstanden, tut sich doch eine ganze Welt auf.

Lubomir Typlt, aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammend und heute nach drei Jahren in Berlin wieder in Prag lebend, vorgestellt im letzten Jahr in der Galerie Poll, zeigt jetzt Gouachen auf Papier. Sie sind von gleichem expressiven Pathos und der Suche nach Bildlösungen getragen wie Pencks Papierarbeiten, haben jedoch eindeutig Seriencharakter und sind stärker dem Figürlichen verhaftet. Sie führen merkwürdig bühnenhafte Szenen vor, überzogen von flächendeckend schriller Farbigkeit, die auch die konturhaft dargestellten Akteure erfasst. Diese agieren in einem angedeuteten Raum aus heftigen Pinselspuren, die teils Schatten bilden, Balken oder Löcher und dem Ganzen einen dramatischen Ton verleihen.

Die in kleinen Gruppen auftauchenden Personen sind anonym, teils gesichtslos. Es scheinen Pubertierende zu sein, beschäftigt mit typischen, altersbedingten Tätigkeiten, sowohl Jungen („Strahlung“) wie Mädchen („Rauchende“ oder „Lipstick"), letztere auch bei ungewöhnlichen Tätigkeiten („Die Durchsuchung des goldenen Schnitts“). In „Herrenwahl“ stehen sich drei Mädchen und drei langnäsig-spitzhütige Knaben gegenüber – auch dies gewiss keine gewöhnliche Tanzstunde, sondern eine ironisch zugespitzte Situation. So stellen denn alle Bilder von Typlt ein sinnbildliches, absurdes Weltentheater dar, eindringlich und verstörend, rätselhaft und skeptisch.
C & K Unterwegs Galerie, Joachimstr. 17; bis 22.11., Di– Sa 12–18 Uhr

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