Ausstellung : Erwin Blumenfeld: Schluckauf der Geschichte

Die Berlinische Galerie zeigt eine Ausstellung zum Thema Zeit und den Dadaisten Erwin Blumenfeld.

Nicola Kuhn

Still wäre es um die Berlinische Galerie geworden, gäbe es da nicht den Coup mit der Panorama-Fotografie, Aufnahmen eines vergessenen Fotografen im Berlin der Jahre 1949 bis 1952, die seit ihrer Eröffnung im November zahlreiche Besucher anzieht. Doch wer sich mit der Neupräsentation der Sammlung im Untergeschoss eine prononcierte Setzung der beiden Neuzugänge der Berlinischen Galerie verspricht, von Thomas Köhler als stellvertretendem Direktor und Heinz Stahlhut als Leiter der Abteilung bildende Kunst, der wird enttäuscht.

„As Time Goes By“ ist eine überdimensionierte Volontärsausstellung über das Thema Zeit. Den eigentlich Verantwortlichen aber läuft sie davon. Jetzt, wo sich in Berlin die Szene neu sortiert, der Markt zusammenbricht, die Stunde der Institutionen wiederkehrt, braucht es gerade von der Berlinischen Galerie ein klares Bekenntnis. Der fulminante Abschied von Ursula Prinz als bisheriger Macherin mit der Ausstellung „Neue Heimat“ liegt schließlich anderthalb Jahre zurück.

So lobenswert es ist, Volontären die Chance zum großräumigen Ausprobieren zu geben, das Publikum befriedigen solche Experimente kaum, ein hartes Urteil verbietet sich. Denn was als schöne Idee begann für einen kleineren Raum im Rahmen eines schließlich abgesagten Festivals, weitet sich nun über ganze Säle aus. Hundert Arbeiten von 37 Künstlern sind zu sehen. Mit Zeit hat irgendwie alles zu tun in der Kunst, lautet das Fazit der kunterbunten Zusammenstellung. Und irgendwie steht alles mit allem in Verbindung: das 19. Jahrhundert mit dem 20., die Malerei mit der Fotografie, die Skulptur mit der Architektur.

Der Erkenntnisgewinn bleibt gering, nur da und dort gibt es interessante Begegnungen. So führt die Reihung von George Rickeys kinetischen Skulpturen geradewegs zu Johannes Forsters Bodenarbeit „A 40“, Bruchstücke vom Autobahnasphalt mit weißer Markierung mittendrin. Mal rast die Zeit, mal bleibt sie stehen, wird allzu deutlich demonstriert mit dem Kabinett hinter den beiden Straßenbildern von Peter Berndt. Dort aber hängen Girke, Badur, Geccelli, Mack – säuberlich nach Schwarz, Weiß, Grau sortiert – so eng gedrängt, dass nicht meditative Stille einkehrt, sondern dem Betrachter die monochromen Bilder um die Augen wirbeln. Hinter einer weiteren Wand schraubt ein moderner Sisyphos in Heike Baranowskys Video einen Motor permanent zusammen und wieder auseinander. In ihren besten Momenten erlaubt die Ausstellung freies Assoziieren, in ihren schlechtesten wirkt sie grob didaktisch. Für einen Moment öffnet Beate Gütschows collagierte Stadtansicht den Raum. In Kombination mit Frank Thiels Checkpoint-Soldaten, Raffael Rheinsbergs arrangierten Versatzstücken der DDR-Grenze, Tacita Deans Aufnahmen vom Palast der Republik und den beiden Stadtmodellen vom Alexanderplatz schrumpft sie zur Berlinensie.

„In Wahrheit war ich nur Berliner“ heißt passenderweise die kleine, feine Ausstellung mit Dada-Montagen, Zeichnungen, Briefen, Fotografien von Erwin Blumenfeld (1897 bis 1969). Doch diese sentimentale Erinnerung an seine Vaterstadt ist nur die halbe Wahrheit: Der später internationale Modefotograf verließ seine Heimat auf Nimmerwiedersehen 1918 gen USA via Amsterdam und Paris, in Rom starb er. Aus Berlin nahm er das Dada-Erbe, die Kunst der Montage mit, die Kuratorin Helen Adkins nun in seinem weiteren Schaffen durchdekliniert. Eine echte Wiederentdeckung seines Frühwerks, bevor er ausschließlich bei der Fotografie blieb, ist es nicht ganz. Zu seinem 100. Geburtstag war es bereits im Rahmen der Jüdischen Kulturtage von der Kunstbibliothek präsentiert worden, ein Jahr später von der Galerie Brusberg. Adkins bleibt das Verdienst, diesen Schatz wissenschaftlich bearbeitet zu haben.

Die rasanten Schnitte, Kombinationen aus Werbung, Fotografie und Zeitungsschnipseln, kehren in seinen avancierten Modefotografien zurück, wo die Mannequins plötzlich vor steil abfallenden Fassaden stehen oder das Bild eines Vogue-Modells rote Streifen überklebt bekommt. Welch Bilderschatz in diesem Tausendsassa rumorte, wird aus den frühen Collagen sichtbar, in denen die verschiedenen Figuren und Typologien leibhaftig aufeinanderstoßen. So kombinierte er ein Foto seines Helden Charlie Chaplin mit dem Briefpapier des Lederwarengeschäfts, das er bis zum Bankrott 1933 in Amsterdam führte. Seine Hassfigur Kaiser Wilhelm II., der mit ihm das holländische Exil teilte, ließ Blumenfeld abserviert am Rande des Badegeschehens am Strand von Zandvoort stehen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, bis 31. 8. bzw. 1. 6.; Mi bis Mo 10 – 18 Uhr. Blumenfeld-Katalog (Hatje Cantz Verlag) 24,80 €, gebunden 39.80 €.

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