Ausstellung : Flotte Dreier

Altäre ohne Gott: Eine Stuttgarter Ausstellung erkundet moderne Triptychen

Ralf Christofori

Es liegt in der Natur der Sache, dass Berufungen eine zeitliche Leerstelle abstecken – zwischen dem, was nicht mehr ist, und dem, was noch kommt. Wie man diese Leerstelle zu füllen versucht, kann man im Kunstmuseum Stuttgart derzeit in verschiedenen Aggregatzuständen erleben. Die Direktorin des Hauses, Marion Ackermann, wurde an die Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf berufen. Zwar wird sie dort erst im September ihr Amt voll ausfüllen, aber schon jetzt sei sie „ganz wehmütig“. Auch der Vorsitzende der Freunde des Kunstmuseums Stuttgart trug den Gestus des schweren Abschieds in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Drei. Das Triptychon in der Moderne“. Der Mann hat recht. So mancher Besucher wusste nicht, ob er angesichts dieser letzten großen Ausstellung der scheidenden Direktorin in Jubel oder Trauer verfallen solle.

Die Leerstelle zwischen Stuttgart und Düsseldorf weiß Marion Ackermann mit ihrer Ausstellung zum Triptychon prachtvoll zu füllen. Dabei beweist sie einmal mehr, dass sich die publikumswirksame Attraktion wunderbar mit musealem Tiefgang verträgt. Die Ausstellung lockt mit großen Namen wie Bacon und Beckmann, Niki de Saint Phalle und Damien Hirst, Polke oder Richter, aber es sind allesamt Werke von höchster Qualität und internationaler Provenienz. Diese Arbeiten gruppieren sich um ein zentrales Werk der hauseigenen Sammlung: Otto Dix’ „Großstadt“-Triptychon von 1927/28. Dazu kommen Max Beckmanns „Argonauten“ (1949/50) aus der National Gallery in Washington. Eine Etage höher hängt Francis Bacons großartiges „Three Studies of the Male Back“ (1970) aus dem Kunsthaus Zürich.

Das sind nur drei Inkunabeln des 20. Jahrhunderts, von denen aus sich die leitmotivische „Drei“ in Linien, Querverweisen und Konfrontationen durch die Ausstellung bewegt. Den chronologischen Auftakt macht ein kleines Retabel aus dem 15. Jahrhundert, das den ursprünglichen Bedeutungskontext des Triptychons ins Gedächtnis ruft: seine Ableitung aus dem Altarbild mit Mittel- und Seitentafeln. Es sei eine „Dreiteilung mit betonter Mitte“, wie Klaus Lankheit Ende der fünfziger Jahre in seinem Standardwerk „Das Triptychon als Pathosformel“ ausführte. Schon damals hatte das Triptychon seinen sakralen Kontext längst verlassen. Lankheit sprach deshalb von „Altären ohne Gott“. Genau hier setzt die Ausstellung im Kunstmuseum an: Wie geht die Moderne mit dieser Bildform um? Wird sie nur formal ins 20. Jahrhundert hinübergerettet? Oder wird die „Pathosformel“ beibehalten und säkularisiert umgedeutet?

Begibt man sich auf die Fährte des ethischen oder politischen Pathos, dann führt ein Strang quer durch die Ausstellung von Otto Dix über Willi Sittes „Höllensturz in Vietnam“ (1966/67) bis zu Markus Lüpertz, dessen „Schwarz-Rot-Gold I-II-II“ von 1974 die Requisiten des Krieges in drei nahezu identischen Bildmotiven überhöht. Der New Yorker Künstler Robert Longo verarbeitet vier Jahre nach dem 11. September in „The Haunting“ sowohl die medien- als auch realpolitische Dimension der Terroranschläge. Die „betonte Mitte“ seines Triptychons füllt er mit einer tiefschwarzen Fläche. In Joe Colemans kleinem Klappaltar „War Triptych“ von 2003 wiederum wuchert das Dämonische über Mittel- und Seitentafel ohne Aussicht auf Erlösung.

Ohne Pathos, aber mit großer „Wirkungsmacht“ ist das Triptychon in der Gegenwart angekommen, ohne seine Ursprünge zu verleugnen. So beruft sich Damien Hirsts blutiges Martyrium des heiligen Judas Thaddäus, das der Brite 2002/2003 in einer dreitürigen Asservatenkammer aus Glas und Edelstahl ausbreitet, ebenso auf die christliche Tradition Europas wie Bill Violas verstörende Videoinstallation „Nantes Triptych“ (1992), in dem er Leben und Tod zusammenführt.

Stiller, aber nicht minder eindrucksvoll ist die Videoarbeit „Cardiac Cathedral“ (2008) des Stuttgarter Künstlers Pablo Wendel. Sie zeigt aus statischer Kameraposition den Blick in einen Plexiglaskasten, in dem ein Schweineherz hängt. Infusionsschläuche führen in das Herz und halten es mehr oder minder am Leben. Durch eine erhöhte Dosis Adrenalin wird das Herz und seine Muskulatur in regelmäßigen Abständen zum Schlagen gebracht.

Etwas mehr Adrenalin hätte man sich von Jonathan Meese gewünscht, der einen eher dürftigen Monumental-Dreiteiler beisteuerte. Dafür fabuliert er im Katalog gewohnt solipsistisch die „Pathosformel“ des Triptychons in eine ungewisse Zukunft: „Das neutralreligiöse Altarbild zeigt immer das Neutralradikalste und pendelt sich aus in der antinostalgischen Zukunft der Sache.“ Oder genauer: „Dr. Triptychon ist die Totaldrüse der Erzrevolution, wie das Erzstaatskostüm von Scarlett Johansson: Ballettstaat ,Humpty Dumpty‘ mit 1000 Goldfäden aus Fort Knox.“ Was zu beweisen wäre.

Kunstmuseum Stuttgart, bis 14. Juni; Katalog (Hatje Cantz Verlag) 29 €.

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