Ausstellung : Graf ohne Grenzen

Motor der Moderne: Das Bröhan-Museum würdigt den Mäzen Harry Graf Kessler zum 70. Todestag.

Michael Zajonz
Harry Graf Kessler
Perfekter Dandy. Harry Graf Kessler. -Foto: Promo

Er war ein Liebhaber ohne festen Wohnsitz. Einer, für den die meisten bürgerlichen Maßstäbe versagen, obwohl er wie kein Zweiter den bildungsbürgerlichen Traum von Deutschland als Kulturnation verkörpert hat. Harry Graf Kessler bleibt selbst als Repräsentant einer untergegangenen Lebenskultur ein Außenseiter. Ein kompromissloser Ästhet, der das eigene Leben zum Kunstwerk erhoben hat.

Sein jüngster und gründlichster Biograf, der amerikanische Historiker Laird M. Easton, resümiert: „Kessler war weder ein Berufspolitiker, noch war er ein Diplomat, er war weder ein Künstler noch ein Berufsschriftsteller, weder ein Gelehrter noch ein professioneller Museumsdirektor, er war nicht ganz ein Soldat, nicht ganz ein Agent, er war kein Engländer und auch kein Franzose, aber schließlich auch nicht voll und ganz ein Deutscher.“ Er war, ist zu schlussfolgern, von allem etwas. Auf hohem Niveau.

Zudem war er ein begnadeter Tagebuchschreiber. 57 Jahre lang, zwischen 1880 und seinem Todesjahr 1937. Zwar erfährt man in den seit 2004 vom Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Stuttgarter Klett-Cotta Verlag vorbildlich edierten Bänden auffallend wenig Persönliches über den 1868 in Paris geborenen Sohn eines Hamburger Bankiers und einer irischen Baronesse. Selbst seine Herkunft ist nicht ganz sicher. Sein leiblicher Vater, wurde gemunkelt, sei Kaiser Wilhelm I. gewesen. In den Tagebüchern erwähnt Kessler über 40 000 Menschen, mehr oder weniger prominente Zeitgenossen, mit denen er seine Zeit geteilt hat. Was für ein Aufwand, stilvoll von sich selbst abzulenken.

Deutlichere Spuren hinterließ Kessler, der eigentlich Diplomat werden wollte und sich während des Ersten Weltkriegs zum Pazifisten und nach 1918 zum bekennenden Republikaner wandelte, als Kulturpublizist und Kulturpolitiker. Eine Kabinettausstellung im Berliner Bröhan-Museum stellt nun den Förderer so verschiedener Künstler wie Johannes R. Becher, Hugo von Hofmannsthal und George Grosz vor. 1897 lernte Kessler in Berlin den belgischen Jugendstilkünstler Henry van de Velde kennen, der ihm Wohnungen und Häuser in Berlin und Weimar eingerichtet hat. Eine Freundschaft bis ans Lebensende. In der Ausstellung sind zwei jener versilberten Jugendstil-Tischleuchter zu sehen, wie sie Kessler von van de Velde erworben hat – trotz des maßlos hohen Preises von 800 Reichsmark. Für seine erlesenen impressionistischen und postimpressionistischen Gemälde hatte er meist nicht viel mehr bezahlt.

Zu sehen sind neben privaten Dokumenten und Fotos, die Kessler in verschiedenen Lebensaltern, doch immer als Dandy zeigen, auch Bücher der 1913 von ihm gegründeten Cranach-Presse. Mit ihr versorgte Kessler eine schönheitshungrige Kulturelite mit bibliophilen Kostbarkeiten der Weltliteratur wie den von Aristide Maillol illustrierten Eklogen des Vergil – bis sein Vermögen aufgebraucht war und ihn Hitler ins Exil gezwungen hatte. Heute vor 70 Jahren, am 30. November 1937, starb Harry Graf Kessler verarmt und verbittert in Lyon.

Bröhan-Museum, 1. 12.-31. 1., Katalog 10,– €. Buchempfehlung: Laird M. Easton: Der Rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit, dt. Ausgabe bei Klett-Cotta, 2. Auflage, Stuttgart 2007, 591 S., 39,50 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben