Ausstellung : Hitler als Hippie

Skandal oder abgedroschene Provokation: In der Londoner White Cube Galerie haben die Chapman-Brüder 13 Aquarelle Adolf Hitlers mit Friedenssymbolen bemalt.

Annette Reuther[dpa]

LondonTausende Miniaturmenschen liegen gefoltert zu Bergen aufgetürmt, abgesägte Köpfe hängen wie Lampions in den Bäumen und Skelette lauern im Hinterhalt. Über allem sitzt eine kleine Figur und malt besinnlich ein Aquarell, als bemerke sie das Gräuel nicht. Diese Figur ist Adolf Hitler. Wenige Schritte von der Installation entfernt, in einer der bedeutendsten kommerziellen Galerien für zeitgenössische Kunst, hängen mehrere solcher Aquarelle, gemalt vom Führer persönlich. Was Hitler stets verwehrt blieb - der Eintritt in die Kunstwelt - hat er nun mit Hilfe der britischen Skandalkünstler Jake und Dinos Chapman geschafft.

Die Künstlerbrüder, neben Damien Hirst Superstars der jungen britischen Kunstszene, haben für ihre Ausstellung "If Hitler Had Been a Hippy How Happy Would We Be" in der Londoner White Cube Galerie 13 Aquarelle Hitlers mit Friedenssymbolen bepinselt. Über der Wiener Karlskirche aus der Hand Hitlers schwebt nun eine psychedelisch leuchtende Sonne, um Blumenstudien des Diktators ranken sich Sternchen und über Hitlers Landschaftsbilder spannen sich Regenbogen.

"Nicht sehr begabt"

Für umgerechnet rund 147.000 Euro hat die Galerie die Werke erworben. Man habe sie dann "verschönert", wie die Brüder anmerken. Heute sind die Hippie-Hitler-Werke für 870.000 Euro zu haben. Die Originale seien "fürchterlich" und von mieser künstlerischer Qualität gewesen, so die Chapmans. "Alles, auf was sie hindeuten, ist, dass diese Person künstlerisch nicht sehr begabt war", sagte Jake Chapman. "Sie deuten nicht darauf hin, dass diese Person ein fürchterlicher Tyrann werden wird."

Die Idee der Chapmans ist alt: Das letzte Mal, als die Brüder Werke anderer verfremdeten, griffen sie jedoch zu einem größeren Talent. 2003 nahmen sie sich den spanischen Maler Francisco Goya vor und malten für "Insult to Injury" auf 80 Goya-Radierungen Clownsköpfe und verzerrte Fratzen. Der Aufschrei in der Kunstwelt war groß. "Das hat sich bei den Hitler-Bildern nicht wiederholt", hieß es nun bei der White-Cube-Galerie. Verständlich, schließlich war Hitler alles andere als ein Künstler.

"Moderne Kunst vom Allerfeinsten"

Die Mischung aus Massenmord und Friedenssymbolik zieht dennoch: Zur Eröffnung der Ausstellung eilten sowohl Prominente wie Kate Moss als auch sämtliche Kunstkritiker. "Das ist moderne Kunst vom Allerfeinsten", schwärmte der Kritiker Waldemar Januszczak. In den schicken Räumen der Galerie tummeln sich statt Rechtsradikaler - wie vielleicht anzunehmen wäre - hippe Kunststudenten und Touristen.

Doch die verfremdeten Hitler-Werke entfalten nur in Verbindung mit der Installation "Fucking Hell" ihre volle Wirkung. Diese ist das Nachfolgewerk von "Hell", das 2004 bei einem Brand in der Saatchi-Sammlung zerstört wurde. Für die neue Installation sind in Form eines Hakenkreuzes neun Glaskästen angeordnet, in denen die Hölle auf Erden symbolisiert wird: Zehntausende kleiner Nazisoldaten morden und metzeln; die Opfer liegen in Konzentrationslagern oder Gräben übereinander, bluten und sterben. Neben dem malenden Hitler tauchen eine Mini-Anne-Frank und ein Mini-Stephen-Hawking auf. Der Titel der Schau - deutsch: "Wenn Hitler ein Hippie gewesen wäre, wie glücklich wären wir heute" - kann da allenfalls traurig stimmen.

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