Ausstellung : Hunnen keine Bilderbuch-Barbaren

Nicht zuletzt wegen ihres berüchtigten Anführers Attila haben die Hunnen einen schlechten Ruf. Eine Ausstellung in Speyer zeigt ein differenzierteres Bild des Nomadenvolkes.

Marc Strehler[dpa]
Attila der Hunne
Abb.: V. Checa

SpeyerEr ließ seinen eigenen Bruder umbringen und schickte seine Untertanen auf blutige Raubzüge: Das Image des Hunnenkönigs Attila, bekannt auch als die "Geißel Gottes", hätte wohl auch ein Heer von PR-Beratern nicht aufpolieren können. Auch wegen ihres bekanntesten Anführers haftet den Hunnen noch immer der Ruf an, ein besonders gewalttätiges und unkultiviertes Volk gewesen zu sein. Mit einer großen Ausstellung zeichnet das Historische Museum der Pfalz in Speyer jetzt ein differenzierteres Bild dieser Nomaden. Objekte aus vielen Museen und Sammlungen in Deutschland und Europa wurden für die Schau zusammengetragen, die am Samstag eröffnet wird.

Das wissenschaftliche Konzept zur Ausstellung "Attila und die Hunnen", die sich auf rund 1800 Quadratmeter erstreckt, stammt von dem Berliner Archäologen Bodo Anke. Er hat sich intensiv mit den Hunnen und anderen Nomadenvölkern beschäftigt. Sein Fazit: "Die Hunnen waren auch nicht gewalttätiger als andere zu dieser Zeit, etwa die Germanen oder die Römer." Die Hunnen seien "Kinder ihrer Zeit" gewesen und könnten auch erstaunliche kulturelle Leistungen vorweisen.

Von Mittelasien bis an die Donau

In der Geschichte Europas prägten die Hunnen ein vergleichsweise kurzes Kapitel - nicht einmal 100 Jahre dauerte ihre beste Zeit. Von 375 nach Christus an waren die Reiterkrieger aus den eurasischen Steppen nach Westen vorgedrungen und hatten verschiedene germanische Stämme unterworfen. In seiner größten Ausdehnung reichte das Hunnenreich von Mittelasien und dem Kaukasus bis zur Donau und an den Rhein. Nach dem Tod Attilas - der legendäre Herrscher starb 453 in der Hochzeitsnacht - zerfiel die Macht der Hunnen rasch.

Die Macher der Ausstellung in Speyer haben sich nicht damit begnügt, Fundstücke aus der Zeit der Hunnen und Nachbildungen einfach nur in Vitrinen zu präsentieren. Einen möglichst plastischen Eindruck von der Hunnenzeit wollen sie vielmehr geben. So geht der Besucher durch ein geplündertes Römerdorf und stößt unverhofft auf bewaffnete Hunnenkrieger in Originalgröße. Wer es noch etwas gruseliger will, kann einen nachgebauten Grabhügel erkunden, in dem sogar ein Skelett liegt. Neben Filmen und aufwendigen Computeranimationen zum Leben der Hunnen gibt es noch einen ganz besonderen Clou: In einem Raum kann der Besucher Attila über Intrigen und Liebschaften ausfragen - die Antworten gibt ein Schauspieler via Bildschirm.

Kessel, Pfeile und Schmuck

In diesem aufwendig und mit sehr viel Kreativität gestalteten Umfeld präsentiert das Museum bis zum 6. Januar nächsten Jahres hunderte Ausstellungsstücke, von denen manche erstmals in Deutschland zu sehen sind. Vorgestellt werden Waffen wie etwa die gefürchteten Pfeile, die die Hunnen vom Pferd aus abfeuerten, Schmuck, die für die Hunnen typischen schweren Kesselgefäße und andere Gebrauchsgegenstände. Eine derart umfassende Ausstellung zu den Hunnen habe es bislang in Deutschland nicht gegeben, sagt der Forscher Anke - "wenn nicht sogar in Europa."

Damit auch die kleinen Besucher des Museums auf ihre Kosten kommen, gibt es zusätzlich noch eine Ausstellung für Kinder zum Thema Nomadenvölker. Dort können es sich die Besucher in einer Jurte, einem typischen Nomadenzelt, gemütlich machen oder sich in die Kunst des Filzens einführen lassen. An einem leichten Ziegengeruch in der Jurte sollte man sich dabei nicht stören.

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