Ausstellung in Baden-Baden : Urlaub von der Leinwand

Dritte Dimension: In Baden-Baden zeigt das Museum Frieder Burda "Die Skulpturen der Maler".

Simone Reber

Für Max Ernst entstand die Skulptur „in einer Umarmung mit zwei Händen, wie die Liebe.“ Joan Miró dagegen wendete sich der Bildhauerei zu, weil er glaubte, „die Malerei ermorden zu müssen.“ Von Zärtlichkeit bis Zerstörungswut reichen die Motive der Maler, sich mit der Plastik zu beschäftigen. Manchmal spielt auch der Mangel eine Rolle. Während des Krieges konnte Georges Braque zeitweise weder Leinwand noch Farbe kaufen. Da baute er kleine Objekte aus Fundstücken.

„Die Skulpturen der Maler“, das Thema der diesjährigen Sommerausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, klingt konventionell, die Namen der 21 Künstler von Baselitz bis Tàpies versprechen kaum Überraschungen. Dennoch kommen die Besucher dieser opulenten Schau, die den eleganten Richard-Meier-Bau fast zu sprengen scheint, aus dem Staunen nicht heraus.

Dabei liegt der größte Unterschied zwischen den beiden Medien auf der Hand: die Plastik lässt sich berühren. Pablo Picasso soll seiner Atelierkatze aus Bronze täglich über den Kopf gestrichen haben. Möglicherweise löste die kleine Tänzerin von Edgar Degas, die er 1881 bei der Impressionistenausstellung zeigte, auch deshalb einen solchen Skandal aus, weil die bemalte Wachsfigur auf irritierende Weise den Abdruck der Künstlerhand trug. In Baden-Baden ist das Ballettmädchen als fragiler Bronzeguss mit Tutu aus Gaze zu sehen. Zu Lebzeiten stellte Degas nie wieder eine Plastik aus, nach seinem Tod wurden 150 Figuren in seinem Atelier gefunden. Es heißt, dass er seine Wachsstatuetten immer wieder zwischen den Fingern zerquetscht habe.

Diesen Vorzug der plastischen Arbeit schätzte auch der amerikanische Maler Willem de Kooning, der 1969 bei einem Rom-Aufenthalt erstmals mit Ton zu arbeiten begann. Anders als auf der Leinwand konnte er in dem feuchten Ton auf Null zurückgehen. Mit geschlossenen Augen knetete er den Klumpen zu haltlosen Gestalten, die in die Erde zu schmelzen scheinen. Später vergrößerte er sie in Bronze. Den bizarren Burschen sieht man ihren kräftezehrenden Entstehungsprozess an. Die tropfenförmigen Gliedmaßen weigern sich träge, die Energie des Künstlers aufzunehmen. Aber wie ein Muskel sich erst entspannen kann, wenn er vorher belastet wurde, fliegt de Koonings Geste in der Malerei nach der Anstrengung des Knetens leichthändig über die Leinwand. Leider ist das rote Großformat aus der Sammlung Frieder Burda ein wenig schwach, um diesen Gegensatz herauszuarbeiten.

In der Regel aber ist es dem Gastkurator Jean-Louis Prat gelungen, souverän und unprätentiös Korrespondenzen herzustellen. Prat hat über dreißig Jahre die Fondation Maeght in St. Paul de Vence bei Nizza geleitet und Zugang zu zahlreichen Privatsammlungen. Unaufdringlich verfolgt er sein Thema, eröffnet erhellende Momente, ohne jemals in eitle Didaktik zu verfallen.

Mitunter schärft die Plastik den Blick für ein künstlerisches Temperament. Der Karikaturist Honoré Daumier verhöhnt die Fratzen des Juste Milieu im Bronzeguss ebenso frech und spitz wie mit der Feder. Cy Twombly, der bereits mit achtzehn Jahren seine ersten Skulpturen geschaffen hat, offenbart auch als Bildhauer eine Liebe für die melodische Spannung von Zwischenräumen. Wie eine Musiknote mit rundem Kopf wandelt eine dünne Gestalt auf ihrem Sockel. Daneben erscheint Twomblys luftig schwebendes Schriftbild wie eine Partitur. Von umwerfender Wucht dagegen Max Beckmanns „Mann im Dunkeln“, der sich mit erhobenen Händen den Raum ertastet. Die schwere Bronze betont die enorme physische Präsenz der Figur, die schimmernde Oberfläche unterstreicht die Rätselhaftigkeit dieses sehenden Blinden.

Am schwächsten sind die jüngsten Werke aus den Beständen des Museums Frieder Burda. Georg Baselitz und Markus Lüpertz knüpfen an die expressionistischen Holzskulpturen von Ernst Ludwig Kirchner an. Ihre Arbeiten leben vom Berserkerkampf mit dem Baumklotz, doch ihren groben Hieben fehlt der Kontrapunkt. Nach der genossenen Raffinesse ist bis zu diesem letzten Kapitel der Blick der Betrachter für künstlerische Probleme und deren Lösungen so weit geschärft, dass die reine Kraftprobe zu schlicht erscheint. „Bildhauerei bringt von Gewohnheiten ab“, meinte George Braque. Die Besucher haben in dieser Ausstellung die Chance, den vertrauten Pfad zu verlassen. Der Lohn für das Risiko der Verunsicherung sind neue Entdeckungen. Denn die Skulpturen der Maler eröffnen auch den Betrachtern eine andere Dimension.

Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 26. Oktober. Katlaog 29 Euro.

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