Ausstellung in der Nationalgalerie : Deutschland, deine Bühnenbilder

Der Titel "Nationalgalerie" der Ausstellung des Berliner Fotografen Thomas Demand stimmt in doppelter Hinsicht: Sie zeigt eine Galerie nationaler Bilder und definiert die Neue Nationalgalerie ganz neu.

Nicola Kuhn
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"Raum". Rund 40 Arbeiten des Künstlers sind bis 17.Januar unter dem Motto "Deutschland" in der gläsernen Halle der Neuen...Foto: dpa

Vorhang zu in der Neuen Nationalgalerie, die Vorstellung kann beginnen. Das Stück, das gegeben wird, lautet schlicht „Nationalgalerie“, die Szenenbilder bestehen aus entleerten Räumen. Die Ausstellung, die an diesem Donnerstagabend eröffnet wird, lässt den Besucher permanent vor- und zurückspringen, sie ergeht sich in Paradoxa. Was in den Bildern vorgibt, leer zu sein, ist tatsächlich randvoll mit Projektionen. Und was der Realität abfotografiert erscheint, ist nur eine Mimikry der Wirklichkeit; gezeigt werden aus Papier nachgebaute Modelle.

Das gleiche Spiel treiben die meterhohen Vorhänge, die den gläsernen Kubus des Berliner Mies-van-der-Rohe-Baus in hermetische Säle abtrennen. An ihnen sind die Bilder wie schwebend angebracht, als wäre es nicht Stoff, sondern eine stabile Ausstellungswand für die meterhohen Werke. Als Drittes kommen die Bildlegenden hinzu, verfasst von Botho Strauß, die jeweils in Vitrinen, in aufgeschlagenen Bänden zu lesen sind. Auch sie führen ein Eigenleben, denn die Texte des Schriftstellers erklären nie den Bildinhalt, sie entwickeln ihre eigenen, unabhängigen Gedanken. Kunst, Architektur und Literatur bilden eine Dreieinigkeit, wie es sie in der Nationalgalerie wohl noch nicht zu sehen gab.

Hinter einem solchen Ausstellungsakt steckt Entschiedenheit, einen Ort – den bedeutendsten in Berlin, ja bundesweit für zeitgenössische Kunst – neu zu definieren. Udo Kittelmann, seit November Direktor der Nationalgalerie, beweist mit Macht, dass er andere Wege gehen will. Nichts bleibt, wie es ist. Das Sichtbare ist nicht das Gezeigte, das Tragende nicht das Stützende, das Lesbare nicht das auf den ersten Blick Gemeinte. Mit „Nationalgalerie“ von Thomas Demand (Jahrgang 1964) als erster Einzelausstellung hat sich der neue Herr des Hauses klar positioniert: weniger Opulenz, mehr Auseinandersetzung. Der in Berlin lebende Künstler macht zwar brillante Bilder, doch vor allem stellen sie eine intellektuelle Herausforderung dar.

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Thomas Demand. -Foto: ddp

Zum Beispiel jenes verwüstete Büro, das in Draufsicht zu sehen ist, wie man es von Polizeifotos kennt. Was ist passiert? Der Betrachter sucht in seiner Erinnerung nach einem Äquivalent, denn irgendwie kommt ihm das Motiv bekannt vor. Da sämtliche Schriften von den Papieren getilgt wurden, kann er nur raten. Tatsächlich gab es in der jüngeren deutschen Geschichte – und nur darauf beziehen sich die für die Ausstellung ausgewählten Motive – einen entscheidenden Moment, von dem später Pressebilder zeugten und ihn dadurch zum historischen Augenblick erhoben: die Erstürmung der Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße. Zurück blieben die durch Volkes Zorn zerstreuten Akten; deren Verfasser waren da längst getürmt.

Thomas Demand scannt das kollektive Bildgedächtnis der Bundesrepublik. Mit seiner Erinnerungsarbeit bewegt er sich auf der Zeitachse permanent vor und zurück, denn so detailliert er die Stätten des Geschehens scheinbar rekonstruiert, als Papiermodelle können sie nie ganz stimmen. Der Betrachter wird im Moment des Erkennens genarrt. Die Demandschen Bildwelten konfrontieren ihn mit dem absurden Wunsch, dass es genauso ausgesehen haben möge. Erinnerung, zumal kollektive, setzt sich aus einer Vielzahl von Bildern zusammen. Die eine Wahrheit gibt es nicht, auch nicht in der Fotografie.

 Die Ausstellung will es also wissen. Es soll nicht nur der Maßstab für künftige Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie gesetzt, sondern auch wortwörtlich eine Galerie nationaler Bilder gezeigt werden. Das scheint zunächst vermessen, doch wechseln die 40 Bilder so überraschend zwischen Motiven von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung und privaten Aufnahmen, dass staatstragendes Pathos nicht aufkommt. Jenes Treppenhaus etwa, das im Zickzackschwung der fünfziger Jahre mit schlanken Stäbe den leeren Raum zergliedert, entstammt der Schule, auf die Thomas Demand einst ging. In diesem Zweckbau, dessen Architektur vom Bauhaus inspiriert ist, wurden die ersten Curricula für die junge Bundesrepublik verfasst, die Leitideen für eine neue Bildung formuliert. Auch hier thematisiert Demand eine Prägung, die weit über die individuelle Erfahrung hinausreicht.

 Der Künstler als Psychologe der Gesellschaft. Demand löst einzelne Bilder aus der kollektiven Erinnerung heraus, baut sie in lebensgroßen Modellen nach, um sie dann mit einer Plattenkamera wieder in die Zweidimensionalität zurückzubringen. Dieser Vorgang der Tiefenergründung erscheint wie ein kathartischer Prozess, denn anschließend werden die im Studio entstandenen Modelle prinzipiell zerstört. Als Dokument dieser Wiederbelebung, die sich jedoch nur auf die Räume, nie auf deren Akteure bezieht, obwohl sie wie Bühnenbilder wirken, bleiben die großformatigen Bilder zurück. Statt zu beruhigen in ihrer Banalität, geht von ihnen allerdings eine Virulenz aus, die sie über das Zeitgeschichtliche erheben.

Jene Badewanne mit dem verrutschten Teppich davor und dem halb zurückgezogenen Vorhang ist eben nicht irgendein Badezimmerrequisit, wie der lapidare Titel weiszumachen versucht, sondern der Ort, an dem der Politiker Uwe Barschel zu Tode kam, einer der großen Skandale der achtziger Jahre. Oder die trübselige Topfpflanze aus der Serie „Klause“. Sie ist ein Überbleibsel der Braubacher Kneipe, in welcher der kleine Pascal vor acht Jahren verschwand. Berichte über die Nachforschungen und den Prozess gegen die schließlich freigelassenen Verdächtigten gingen monatelang durch die Medien. Thomas Demand fragt nach: Warum war das damals wichtig? Warum wurden wieder und wieder die Bilder der Tosa-Klause gezeigt? Was sagen sie aus über die Gemütslage in einem Land?

Trübe, kann die Antwort angesichts dieser Bilder nur heißen, deren Depressivität durch die schweren, dunklen Vorhänge noch betont wird. Auch der hohe Ton, den Botho Strauß in seinen eindrücklichen Texten anschlägt, ist kein Lichtblick bei dieser Bestandsaufnahme deutscher Geschichte. Zwanzig Jahre Mauerfall, 60 Jahre Bundesrepublik, in diesem Museum findet der Festakt nicht statt. Thomas Demand zeigt uns die andere Seite.

- Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 18. September bis 17. Januar. Di/ Mi/ So 10 - 18 Uhr, Do 10 - 22 Uhr, Fr/ Sa 10 - 20 Uhr. Katalog 35 €.

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