Ausstellung in Frankfurt am Main : Auf Sendung

25 Städte, 8559 Meter: Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt nimmt das Jubiläum des Berliner Fernsehturms zum Anlass für eine Ausstellung über Fernsehtürme aus aller Welt.

Falk Jaeger
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Fernsehturm-Souvenirs aus Stuttgart, Berlin, Schanghai und Tokio. -Foto: Benjamin Kasten

Es ist kein Zufall, dass der Berliner Fernsehturm so zentral wie kein anderer im mittelalterlichen Stadtkern steht. Die Sendetechnik war nicht das wichtigste Kriterium bei der Standortsuche. Wie immer bei derlei Großprojekten der DDR ging es auch beim Fernsehturm, der ja gerade seinen 40. Geburtstag gefeiert hat, um Politik.

Das Vorbild stand freilich im Westen. Der Stuttgarter Fernsehturm hoch über der Stadt aus dem Jahr 1956 ist der Urahn zahlreicher Nachfolger wie der Betonnadeln in Köln, Berlin, Moskau oder Johannesburg. Der Bau war eine technisch-konstruktive und architektonische Pionierleistung. Viele sagen, der Stuttgarter Turm sei an Schönheit niemals übertroffen worden. Bis dahin waren Sendeantennen auf die Spitze von Stahlfachwerktürmen (Eiffelturm) oder hoher Gittermasten montiert worden, die mit Schrägseilen abgespannt werden mussten. Welch elegante Erscheinung dagegen der dünne Betonturm, den der Ingenieur Fritz Leonhardt so schlankgerechnet hatte. Die Tektonik dieses Prinzips mit Betonschaft, Korb und Antenne leuchtet jedem Beschauer auf Anhieb ein. Konstruktiv-formale Logik verbindet sich mit harmonischer Proportion – mit Schönheit also.

Wenn das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main den Fernsehtürmen nun eine Ausstellung widmet, so behandelt sie zwar auch die Entwicklungsgeschichte des Bautyps, nimmt das Jubiläum des Berliner Fernsehturms jedoch vor allem zum Anlass, um einen anderen Aspekt zu beleuchten: Fernsehtürme waren meist eminent politische Bauwerke und dienten der Selbstdarstellung der Systeme. So war der Ostberliner Turm ein deutlicher Fingerzeig und sollte höher in den Himmel ragen als alles, was der Westen auf die Beine gestellt hatte; nur Moskau durfte nicht übertroffen werden. „Telespargel“ hatte die Partei als Spitznamen für den Berliner Fernsehturm verordnet. Der Volksmund bezeichnete den präpotenten Turm freilich deutlich drastischer als „Renommierpimmel“. Dessen Popularität hatte vor allem mit dem Drehrestaurant und der sehnsuchtsvollen Aussicht nach Westberlin zu tun. „Was passiert, wenn der Fernsehturm umfällt?“ – „Dann sind wir in Kreuzberg“, so die hintergründige Antwort.

Friedrich von Borries, Matthias Böttger und Florian Heilmeyer vom Berliner Büro Raumtaktik, die als Kuratoren des deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale Venedig 2008 Bekanntheit erlangten, betonen in der Ausstellung solche politischen Perspektiven. Sie interessieren sich nicht für Pläne und maßstabsgerechte Modelle, sondern gehen der Ideengeschichte der Türme nach und versuchen, diese durch dynamische Wandgrafik im Ausstellungsdesign von Lazlo Toffel und durch Lesetexte zu vermitteln.

Rein technisch dienten die Türme der Propaganda, denn über sie schickten die Regime ihre Botschaften in den Äther. „Völker, seht die Signale“, hieß es in Ostberlin in Anlehnung an die Internationale. Im litauischen Vilnius versammelten sich die Bürger 1991 am Fernsehturm, um die Besetzung durch prosowjetische Kräfte zu verhindern und die freie Berichterstattung zu sichern.

Der Turm in Schanghai wiederum sollte sich unter keinen Umständen an westlichen Vorbildern orientieren. Der Oriental Pearl Tower zitiert ein altes Volkslied und setzt sich aus elf Perlen zusammen. Auch Las Vegas wollte sich mit einem Fernsehturm schmücken. Gesendet wird jedoch nicht, die „Antenne“ ist ein Kirmesfahrgeschäft und im Turmkorb gibt es neben dem Drehrestaurant ein Casino. 25 Türme, zusammen „8559 Meter Politik und Architektur“, so der Untertitel, untersuchen die Raumtaktiker auf ihre gesellschaftspolitische Intention hin.

Heute werden die höchsten Fernsehtürme locker von den himmelstürmenden Wolkenkratzern in Taipei oder Dubai überragt und als Prestigeprojekte in den Schatten gestellt. Im Zeitalter des Satellitenfernsehens sind Fernsehtürme nur noch Objekte des Souvenirkitschs wie andere Wahrzeichen und Touristenziele auch. Diesen Aspekt präsentiert die Frankfurter Ausstellung in einer vergnüglichen Sammlung kurioser Souvenirs, vom aufblasbaren Quietscheturm aus Schanghai bis zum Flaschenöffner und zum fernsehturmförmigen Kugelschreiber aus Berlin. Manches davon kann im Museum erworben werden.

Nach der Station in Frankfurt könnte die Schau wandern. Berlin als Anlass der Ausstellung bietet sich an. Wäre schön, wenn sich ein Veranstalter findet.

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main, Schaumainkai 24, bis 14. März 2010. Katalog 28 Euro.

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