Ausstellung : Ist sie nicht süß?

Einst schwärmte ganz Europa für Rhinozeros Clara. Nun steht der Dickhäuter im Zentrum einer Schweriner Schau.

Michael Zajonz
Nashorn
Viereinhalb mal drei Meter. Jean-Babtiste Oudry malte das Rhinozeros 1749. -Foto: Getty-Stiftung/Museum Schwerin

Für die Berliner Fischhändlerinnen war der 26. April 1746 ein besonderer Tag. Inmitten ihrer Verkaufsbuden auf dem Spittelmarkt konnte man gleich zwei Wundertiere sehen: Friedrich den Großen samt Gefolge – und Clara. Das damals noch nicht ausgewachsene Indische Rhinozeros war der Grund, warum sich der König bei den Fischen blicken ließ. Ein lebendes Nashorn hatte man in Mitteleuropa seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen.

Clara war eine Sensation, für arme Schlucker und gekrönte Häupter. Ein geschäftstüchtiger Niederländer hatte das durch Menschenhand aufgezogene Jungtier 1741 in Assam gekauft. Fast zwei Jahrzehnte lang zog Kapitän Van der Meer mit Clara, dem Dreitonner, durch ganz Europa: von Kopenhagen bis Neapel, von Warschau bis London. Dort ist sie am 14. April 1758 – vor 250 Jahren – gestorben. Ihre Lebensgeschichte hat die britische Historikerin Glynis Ridley zu einem wahren Historienkrimi inspiriert (Claras Grand Tour, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2008, 15 Euro).

Man hielt Clara für ein Fabelwesen aus dem Alten Testament. Oder hatte Dürers populären Holzschnitt von 1515 im Kopf, der nach Angaben aus zweiter Hand entstanden war und eine gepanzerte Kampfmaschine zeigt, mit einem anatomisch falschen Horn auf dem Rücken. Clara hingegen war zahm, mochte Orangen, den Duft von Tabak und leckte hingebungsvoll das Gesicht ihres Besitzers ab. Ein Tier mit „menschlichen“ Schwächen. Der Knut-Effekt.

Dargestellt worden ist Clara nicht nur auf Kupferstichen, Flugblättern und Medaillen, die Van der Meer als Souvenirs und Werbemittel in Auftrag gegeben hatte, sondern auch auf hochrangigen Kunstwerken. Johann Joachim Kaendler modellierte den Dickhäuter in feinstem Meißner Porzellan, der Venezianer Pietro Longhi malte die Nashorndame mitten im Karnevalstreiben.

Das berühmteste Clara-Bild aber stammt von Jean-Baptiste Oudry. Ein Gemälde in Lebensgröße, drei auf viereinhalb Meter, entstanden 1749 vor dem lebenden Original. In diesem Jahr war Clara während ihrer Europatournee in Paris und Versailles zu Gast. Nun steht „Das Rhinozeros“ im Staatlichen Museum Schwerin im Mittelpunkt der Ausstellung „Oudrys gemalte Menagerie“.

Seit 1752 befindet sich Claras Porträt in Schwerin, wo der Pariser Hofmaler Ludwigs XV. mit Herzog Christian Ludwig II. und seinem Sohn Friedrich II. von Mecklenburg-Schwerin zwei besonders eifrige Sammler wusste. Die Mecklenburger interessierten sich nicht nur standesgemäß für Jagddarstellungen, sondern auch für die damalige zeitgenössische Kunst. Mit Oudry scheint sie echte Freundschaft verbunden zu haben. Als Erbprinz Friedrich auf seiner Grand Tour in Paris Halt machte, gab ihm Oudry nicht nur Zeichenunterricht, sondern schenkte ihm zahlreiche seiner Zeichnungen. Ein exklusiver Vertrauensbeweis. Den letzten Werkkomplex kaufte man 1755 aus der Nachlassauktion des Künstlers.

Mit 34 Gemälden und 43 Zeichnungen besitzt das Schweriner Museum den weltweit umfangreichsten zusammenhängenden Bestand von Werken des Tiermalers, der auch Stillleben, Porträt- und Historienbilder schuf. Herzstück dieser Kollektion – und der Ausstellung – ist eine Serie großformatiger Tierporträts, die Oudry „nach der Natur“ in der königlichen Menagerie von Versailles gefertigt hatte. Entstanden sind sie im Auftrag von Gigot de la Peyronie, Leibchirurg Ludwigs XV. Als dieser starb, ohne die Bilder erworben zu haben, bot sie Oudry 1750 dem Herzog von Mecklenburg an. In Schwerin befinden sie sich noch heute.

Die Menagerie-Serie zeigt Oudry auf der Höhe seiner Kunst. Mit stupender Eleganz überträgt der Zeitgenosse von Antoine Watteau menschliche Charaktere und Leidenschaften auf die Tierwelt, ohne an Genauigkeit einzubüßen. Oudry, der ein geachtetes Mitglied der Pariser Akademie war, hielt dort Vorträge über die naturgetreue Darstellung von Federn und Fell. Sein zugleich präziser und emphatischer Blick auf die Fauna imponierte auch jüngeren Pariser Intellektuellen. Dieser Blick wirkt in Diderots und d'Alemberts „Encyclopédie“ ebenso hinein wie in die berühmte „Histoire Naturelle“ des Comte de Buffon.

In einem Bilderpaar wie „Leopard“ und „Leopardin“ wird das Drama des Lebens, das man in der Barockzeit liebte, ebenso deutlich wie das neu erwachte Interesse an den Naturwissenschaften. Oudry inszeniert großes Theater. Sein Hang zu exotischen Tieren ist jedoch nur halb mit der Amüsierlust von Paris erklärt. Oudry hat sie ebenso stark als Aufklärer gemalt – Bilder zur Vermessung der Welt.

Zwei allein durch ihre Riesenformate exotische Gemälde, „Das Rhinozeros“ und „Der Löwe“, beide seit 150 Jahren im Schweriner Museumsdepot aufgerollt und entsprechend geschädigt, konnten zwischen 2002 und 2007 wiedergewonnen werden: in der Werkstatt und mit Mitteln der Getty Foundation. „Der liegende Tiger“ ist dort noch in Arbeit. Deshalb ist die Ausstellung als Dank zuvor in Los Angeles und Houston zu sehen gewesen.

Der enge fachliche Austausch zwischen den Restauratoren in Schwerin und L. A. zeigt exemplarisch, dass sich in der Kunstwelt Begriffe wie Provinz anders definieren. Schwerins Museum genießt dank seiner Niederländer und Franzosen des 17. und 18. Jahrhunderts nationale Bedeutung. Doch mit der dringend gebotenen Renovierung des klassizistischen Galeriebaus vis-à-vis vom Schloss oder gar einem Erweiterungsbau, erklärt Museumsdirektorin Kornelia von Berswordt-Wallrabe enttäuscht, ist vorerst nicht zu rechnen. Die Landesregierung hat selbst die prominente Platzierung ihres Landesmuseums im „Blaubuch“ ostdeutscher Kultureinrichtungen nicht dazu bewegen können, die Modernisierungspläne zu genehmigen. Vielleicht erweicht nun Clara Politiker- und Beamtenherzen – zumal der Schweriner Zoo im Mai ein neues Nashorn erwartet, das den Namen der berühmten Vorgängerin erhalten wird.

Staatliches Museum Schwerin, bis 27. Juli. Katalog (Deutscher Kunstverlag) im Museum 25 Euro, im Buchhandel 29,90 €. Am 8. Mai um 19 Uhr findet zu Ehren von Clara ein Abend in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern statt (Anmeldung unter 030/20604761).

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