Ausstellung : Klecksen statt klotzen

Das Haus am Waldsee widmet Clemens Krauss eine erste Retrospektive. Und der Maler zieht gleich selber ein.

Christina Tilmann
Krauss Foto: Thilo Rückeis
Wand auf Wand. Clemens Krauss stellt seine Couch ins Museum. -Foto: Thilo Rückeis

Noch ist der Koffer nicht ausgepackt, die Farbe an der Wand nicht trocken. Immerhin: Die Möbel stehen, die Bilder hängen, und im Regal sind schon Bücher, DVDs und CDs eingeräumt. Noch etwas heimatlos tigert Clemens Krauss durch die Räume, die der Künstler gerade erst bezogen hat. Ruhig wird es hier erst nachts, wenn der Trupp aus Assistenten abgezogen ist. "Das war schon ein komisches Gefühl, gestern Abend allein hier einzuschlafen", erzählt der schlanke Österreicher amüsiert. Immerhin hat seit über 60 Jahren niemand mehr in der prächtigen Villa an der Argentinischen Allee übernachtet: Seit 1946 dient das Haus am Waldsee als Museum für zeitgenössische Kunst. Andererseits, so der Künstler und betrachtet sein prächtiges Barockbett: "Wer weiß, wer in diesem Bett schon alles geboren wurde oder gestorben ist."

Ein temporärer Tapetenwechsel: Für die Dauer der aktuellen Ausstellung mit Bildern von Clemens Krauss ist der 30-Jährige mit Sack und Pack vom Prenzlauer Berg in die Argentinische Allee gezogen, ins Obergeschoss. Ein Glück dabei, dass er noch jung, ungebunden und ohne großen Hausstand ist: "Notfalls könnte ich die Möbel einlagern und mit einem Koffer wieder ausziehen", überlegt Krauss, der in Graz geboren ist, in London studiert hat und im vergangenen Jahr für längere Zeit in Tokio und in Brasilien gelebt und gearbeitet hat. Viel Unruhe - da tut es gut, wieder einmal anzukommen.

Es ist eine noch junge, aber steile Kunstkarriere, die Clemens Krauss zu seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in seine Lieblingsstadt zurückgeführt hat. Körperfragmente in Jeans und T-Shirt, für die Krauss selbst Modell steht, werden mit Ölfarbe so dick direkt auf die Wand aufgetragen, dass sie wie Skulpturen wirken. Ist die Ausstellung zu Ende, wird die Wandarbeit wieder zerstört - ein Kommentar zum Thema Vergänglichkeit, aber auch, durchaus polemisch gemeint, zu Markt und Verwertbarkeit von Kunst. In einem weiteren Schritt, auch solche Arbeiten sind im Haus am Waldsee zu sehen, löst Krauss die Figuren neuerdings von der Leinwand ab, legt die dicken Farbbrocken in Vitrinen, wie Schneewittchen in den Sarg. Seit er im vergangenen Jahr in Brasilien war, hat sich die Perspektive verändert, er malt seine Körper jetzt von oben, der Blick aus der Vogelperspektive auf die Masse Mensch. Auch im Haus am Waldsee soll eine Wandarbeit entstehen.

Wohnen als Kunstprojekt - eine ungewöhnliche Maßnahme von Katja Blomberg, um ihre frisch renovierten Räume im Haus am Waldsee sozusagen trockenwohnen zu lassen. Schon einmal, 2007, hatte sie junge Designer gebeten, die herrschaftliche Villa zeitgemäß einzurichten, etwas Wohnlichkeit in die längst musealen Räume zurückzubringen. Und sie steht mit der Idee nicht allein. Das Kunst- Museum in Wolfsburg hatte sich zuletzt mit dem Thema "Wohnen in der Kunst" beschäftigt, und der Berliner Künstler Florian Slotawa hatte 2001 im Auftrag des Museums Abteiberg in Mönchengladbach für die Aktion "Schätze aus zwei Jahrtausenden" die historischen Sammlungsbestände nach Berlin verbringen lassen und seine hiesige Wohnung für zwei Wochen damit eingerichtet. Eine gotische Madonna über dem Esszimmertisch: ein Traum der Bürgerlichkeit.

Die barocken Möbel von Clemens Krauss passen perfekt ins bürgerliche Zehlendorfer Ambiente. Und doch lässt sich ein Haus, das sechzig Jahre lang als Museum gedient hat, nicht einfach in einen Wohnraum zurückverwandeln. Vor den weiß gestrichenen Wänden, in den hohen, vorhanglosen Räumen wird selbst ein roter Sessel zur Skulptur. Erst recht unter dem kühlen Neonlicht, das normalerweise die Kunstwerke beleuchtet. "An der Lichtsituation arbeiten wir noch", gibt auch Clemens Krauss zu. Bei ihm zu Hause, in Prenzlauer Berg, hängen nur Glühbirnen von der Decke. Hier eine Laborsituation: Der Künstler stellt sich selber aus. Seine Lieblingsfilme, die Bücher, die er gerade liest, die Kleidung von gestern und seine private Kunstsammlung. Zeige mir, was du besitzt, und ich erkläre dir, wie du malst. Das ist ein ungewöhnlich ehrliches Angebot an den Betrachter, mehr über die Kunst zu erfahren, indem man den Künstler befragt. Ein mutiger Schritt: "Ich hatte das Gefühl, hier in Berlin, wo ich zu Hause bin, etwas mehr Offenheit zulassen zu können", erklärt Clemens Krauss. Wenn es ihm zu viel wird, kann er sich immer noch im Schlafzimmer einschließen.

Der Einzug ins Museum ist auch in anderer Hinsicht konsequent. Es geht Clemens Krauss immer wieder um das Leben im Raum. So wie in der DNA Galerie die weiße Galeriewand zur Leinwand, der Raum zum Bildträger und der Besucher darin zum korrespondierenden Ausstellungssubjekt wurde, so ist auch das Haus am Waldsee für Krauss vor allem als Organismus interessant: als lebendes Objekt. Der Spürsinn geht dabei bis in die Eingeweide. Vom Obergeschoss aus hat Krauss ein Endoskop durch den Boden gebohrt, so dass man die Installation in den unteren Räumen auf dem Bildschirm sehen kann. Der Moment, in dem die Sonde durch die fünfzig Zentimeter dicke Bodenschicht drang, war besonders interessant, erzählt Krauss. "Da sieht man plötzlich das Innere des Hauses, das ganze Füllmaterial, das sich dort angesammelt hat". Muss man noch erwähnen, dass Krauss ursprünglich Medizin studiert hat?

Die anatomische Vorbildung spricht auch aus einer älteren Arbeit, ebenfalls einer Körperskulptur, "Großes Selbstporträt" von 2004, die für die Ausstellung noch einmal neu angefertigt wurde. Die Haut des Künstlers als Ganzkörperabguss, im Stile von Ron Mueck hyperrealistisch in Silikon nachgearbeitet, liegt sie achtlos zusammengeschoben in einer Ecke. Wie die Kleidung von gestern Abend, die der Künstler müde in die Ecke fallen ließ, bevor er sich zu Bett begab. Die Ausstellung von Clemens Krauss im Haus am Waldsee heißt: "Aufwachen".

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 26. April, täglich 11 bis 18 Uhr. Am 15. 3., 16 bis 18 Uhr, gibt es ein Symposium mit Martin Warnke, Norbert Bisky und Bodo Niggemann (Anmeldung erbeten), am 19.3. 19.30 Uhr ein Künstlergespräch, am 2. 4., 20 Uhr ein Hauskonzert und am 14. 4., 19.30 Uhr ein Künstleressen (25 Euro, Anmeldung erbeten).

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