Ausstellung : Lies, Esel!

Zwischen Konzeptkunst und Kalligrafie: die Ausstellung „Das ABC der Bilder“ im Pergamonmuseum.

Jens Hinrichsen
Manga
Alles Manga, oder was? Zeichnung von Kiyohiko Azuma. -Foto: Tokyopop Hamburg

Handfester Alltag bei den alten Ägyptern: Ein Bauer packt seinen Esel am Ohr. Was der Mann zum störrischen Tier spricht, prangt in Hieroglyphen unter der Szene und wird so übersetzt: „Geh zu deiner Sache“. Aufregend daran ist nicht, dass im Jahr 2440 vor Christus offenbar niemand „Blöder Esel“ rief, sondern dass diese Darstellung auf einem ägyptischen Grabrelief wörtliche Rede integriert – gut viertausend Jahre vor Mickymaus und Pluto.

„Sprechende Bilder“ gab es lange vor Erfindung der Sprechblase. Das und weit mehr ist in der glänzenden Ausstellung „Das ABC der Bilder“ zu erfahren, die sich im „Jahr der Geisteswissenschaften“ dem Verhältnis zwischen Bild und Wort widmet. Comics und Codes, Konzeptkunst und Kalligrafie: Von den frühen Hochkulturen bis zum 21. Jahrhundert wird im Pergamonmuseum praktisch nichts ausgelassen, was im Zwischenreich von Lese- und Sehkultur angesiedelt ist.

Mit starken Exponaten wird eine Leistungsschau der Staatlichen Museen zelebriert. Damit kein Besucher in trüber Buchstabensuppe fischen muss, sorgen lesbare Kommentartexte und eine kluge Gliederung für gute Verständlichkeit. Kurzum: Wem die elaborierte Ausstellung „Übersetzung – Text als Bild“ zu Jahresbeginn im Hamburger Bahnhof zu kryptisch daherkam, wird hier auf seine Kosten kommen. Und ins Schüler-Pflichtprogramm gehört dieses „ABC“ sowieso.

Die Lesereise führt von moghul-indischer Schönschrift über die Schreibornamentik des Barock, streift Picassos und Braques Verwendung von Buchstabenfolgen im Kubismus und mündet in die Postmoderne. Neben Bruce Naumans NeonSpielen sind die Leuchtschriften von Joseph Kosuth besonders wichtig: in der Buchstabenfolge „Neon“ (1965) werden Material-, Text- und Inhaltsebene zusammengeführt. Heute, im Zeitalter des Infotainment, fusionieren Schrift und Bild mehr denn je. Bereits der Titel des mit Zeitungen tapezierten „Panic Room“ (2007) vom Künstlerpaar Weis & Mattia ist doppelbödig: Auf paradoxe Weise steigern Schlagzeilen und Nachrichtenbilder die Bedrohungen, die sie herbeizitieren.

Vom Verschlüsseln und Enträtseln handelt die Abteilung „Codes“. Hier fasziniert die „Ehrenpforte Kaiser Maximilians I.“ (1515) – ein wandfüllender Holzschnitt aus der Werkstatt Albrecht Dürers, auf dem sich der Fürst mit Texten, Ornamenten und mythologischen Gestalten preisen ließ. Als Ideenreservoir dienten die 1419 entdeckten Hieroglyphen-Übersetzungen des Ägypters Horapollo, die sich später allerdings fast durchweg als unzutreffend herausstellten. Falsch verstanden, aber schön geschrieben: das gilt auch für die attische Amphore, auf der Buchstaben verteilt sind wie verschüttete Scrabble-Buchstaben – der Vasenmaler war Analphabet.

Pergamonmuseum, bis 31. 8., Mo-So 10-18 Uhr, Do 18-22 Uhr. Katalog 22 Euro

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