Ausstellung : Männer ohne Eigenschaft

Familientreffen: Der Bildhauer Stephan Balkenhol zeigt in der Hamburger Deichtorhalle seinen Clan. Der ist erstaunlich trendresistent.

Nicola Kuhn
244622_0_e60af9f7.jpeg
Der Holzmann.

Was ist daran Kunst? Diese beliebte Frage wird Stephan Balkenhol kaum je gestellt. Denn seine Skulpturen sind über solcherlei Skepsis erhaben, beweisen sie doch in einem ganz naiven Sinn Könnerschaft. „Das kann mein Kind auch“, wagt bei ihm niemand zu sagen. Mit Axt, Beitel, Messer aus einem Stamm einen Menschen herauszuschlagen, das kann eben nicht jeder. An Balkenhol prallt auch jeglicher Modediskurs ab, denn der Bildhauer bleibt sich seit zwanzig Jahren altmeisterlich treu, egal was angesagt ist: Sein Figurenarsenal trotzt jeglichen Trends.

So kommt es, dass sich Balkenhols Figuren einer Beliebtheit erfreuen, die im schwankenden Kunstbetrieb ihresgleichen sucht. Seine Männer zumeist in schwarzen Hosen mit weißem Hemd, seine Frauen im roten Kleid gehören zu den populärsten Skulpturen im öffentlichen Raum, da sie universal verständlich sind. Ein Mann, eine Frau – einsam auf einer Plinthe, der Blick geradeaus, das war''s. Mehr braucht es nicht, um die Geworfenheit des Menschen vorzuführen, inmitten des Getöses des Alltags. Die überraschende Begegnung mit einem Vertreter dieser Spezies etwa auf einer Boje im Teijo, dem großen Lissaboner Strom, oder vor der Küste Irlands beschert Glücksmomente der besonderen Art: Den kenne ich doch! Der muss zur Balkenhol-Sippe gehören!

Seit Mitte der Achtziger arbeitet Balkenhol an seinem Clan, rund 140 neue Mitglieder jedes Jahr. Seine Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen hat er „Familientreffen“ genannt, denn die hölzerne Verwandtschaft findet sich ebendort wieder ein, wo alles begann. Zwischen 1976 und 1982 hat Balkenhol hier bei Ulrich Rückriem studiert, der mit einem einzigen Granitbrocken die gesamte Raum-Figur-Problematik austariert und so gar nichts mit den anschaulichen Menschenfiguren seines Meisterschülers gemeinsam hat. Und doch lobt Rückriem seinen Ex- Assistenten dafür, dass er die Tektonik einer Skulptur verstanden hat, den Block respektiert. Der eine arbeitet abstrakt, der andere eben figurativ.

In Hamburg fand Balkenhol zu seiner Form, hier wuchs ihm erstmals ein Menschenkind aus dem Baum. Die Spuren des Materials, der Schaffensprozess bleiben sichtbar: Astlöcher, Maserungen, Brüche, Spleißreste. Die dünn aufgetragene Farbe, das kindliche Rot, Grün, Blau, mal für ein Hemd, mal für ein Kleid, deckt den schrundigen Untergrund kaum, betont vielmehr die archaische Kraft der Holzbildhauerei. Die gleiche Figurativität ist von der expressionistischen Skulptur, von den Malerbildhauern Baselitz und Immendorff bekannt. Doch auch denen steht Balkenhol fern, ihm ist alles Expressive fremd. Seine Figuren gucken stur geradeaus, die Hände an der Hosennaht. Phlegma statt Dramatik.

Balkenhols Männer ohne Eigenschaften stellen ihre eigene Unbedeutendheit aus, was auf den Betrachter beruhigend, ja liebenswert wirkt. In Hamburg wurden sie deshalb regelrecht adoptiert, nirgends sonst gibt es mehr: Einer hängt am Hals einer Giraffe vor dem Tierpark, vier harren auf schwimmenden Tonnen inmitten der Elbe und der Alster aus, ein Paar steht vor der Zentralbibliothek, zwei Relieffiguren zieren die Deichtorhallengiebel. Dieser Kunst kann niemand böse sein. Doch gerade wegen ihrer Harmlosigkeit haben sie es weder auf Biennalen noch die Documenta geschafft.

Die Hamburger Ausstellung zeigt rührend auf, wie ein Künstler aus dieser Falle, aus seinem Schema auszubrechen versucht. Da gibt es ein Spiel- und ein Musikzimmer, in denen die Figuren vor einer hölzernen Schallplatte („Komposition / männlich“), geschnitzten Schalllöchern („Komposition / weiblich“) stehen oder mit ihren Köpfen überdimensionale Spielwürfel zieren. Diese Suche nach einem Thema offenbart die Aussagelosigkeit nur noch mehr. Seit einigen Jahren arrangiert der Künstler Paravents, auf denen bunte Bänder, das Ostseebad Prora oder einfach Vögel abgebildet sind; davor stehen dann ein kleiner Mann und eine kleine Miss auf ihrem Holzpodest. Der Psychologe Hans-Jochaim Maaz nennt diese Figuren ein ideales Gegenüber, denn wie ein Therapeut provozieren sie durch ihre Neutralität die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Doch nun proben die jüngsten Mitglieder im Balkenhol-Clan den Aufstand. Die Kinder des Künstlers pubertieren. Endlich.

Deichtorhallen Hamburg, bis 1. 2.; Katalog (Snoeck Verlag) 29,80 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar