Ausstellung : Maler und Mahner

"Kassandra": Das Deutsche Historische Museum zeigt „Visionen des Unheils 1914–1945“

Bernhard Schulz
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Gesichtslose Kriegstreiber. Hans Feibuschs „Trommler“ aus dem Jahr 1934. Foto: DHM

„Meine Warnung“, schrieb George Grosz 1954, „war sozusagen eine Warnung in den Wind gewesen.“ Ja, so bitter war es. Selbst da, wo sich Künstler unmittelbar in den Dienst politischer Aufklärung oder auch Propaganda stellten, wie im Falle John Heartfields, verhallten ihre Warnungen vor dem drohenden Unheil folgenlos. Um wie viel schlimmer bei den Künstlern, deren Wirkung nie auf Tag und Stunde berechnet sein konnte. Sie blieben wie Kassandra, jene unglückselige Figur der griechischen Mythologie, deren Vorhersagen niemand Glauben schenken konnte, weil der Fluch des Apoll auf ihr lag.

„Kassandra“ ist die Ausstellung über „Visionen des Unheils 1914–1945“ überschrieben, die das Deutsche Historische Museum von heute an zeigt. Damit ist das Urteil über die Wirkungsmacht der Kunst, die im Untergeschoss des Pei- Baus in gut 350 Beispielen ausgebreitet ist, schon gesprochen. Niemand hat ihr Glauben schenken wollen, auch nicht Karl Hofers Selbstporträt in Ruinen, das er 1937 malte und das so wenige Jahre später furchtbare Wirklichkeit wurde.

Nun muss man den griffigen Titel der Ausstellung gewiss nicht überstrapazieren. Er weckt ganz einfach die Assoziation an eine Kunst jenseits der schönen Selbstbespiegelung, an eine Kunst der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung. Die Zeit zwischen den Weltkriegen war voll solch agitierender, eingreifender, mahnender und auch zergrübelter Kunst, die die Zerrissenheit der Verhältnisse nur allzu deutlich spiegelt. Und die von Stefanie Heckmann mit bewundernswertem Spürsinn zusammengestellte Ausstellung macht deutlich, warum Kunst mehr und Tieferes über die Zeitumstände sagen kann als (beinahe) jede Fotografie, als jede Tatsachenbeschreibung, weil sie verdichtet, was in der zu Einzelfragmenten zerfallenden, gesehenen Realität zu einem Ganzen sich nicht fügt. Die Künstler sahen das unfassliche, unentrinnbare Unheil kommen und gaben ihm, wie Rudolf Schlichter in der Figur der „Blinden Macht“ (1932/37) oder Edgar Ende in der Traube von Menschenköpfen unter dem eigentümlichen Titel „Genius loci“ (1936), sinnlich fassbaren Ausdruck.

Gewiss sind nicht alle Bilder mit Vorahnungen gleichzusetzen. Otto Dix’ „Triumph des Todes“ (1934) ist, ikonografisch gesehen, eine Allegorie des Lebens in seinen verschiedenen Altersstufen. Gert Wollheims geradezu körperlich schmerzender „Verwundeter“ von 1919 ist ein Antikriegsbild, wie Dix’ berühmtes „Flandern“-Bild, das für die Ausstellung nicht zur Verfügung stand. Dass andererseits Magnus Zellers einprägsame Darstellung „Der Hitlerstaat“ als gigantisches Götzenbildnis erst 1945 durch Einfügung von Hakenkreuzfahnen seine eindeutige Zuordnung erhielt, zeigt die Gefahr, in jedem inhaltlich deutbaren Kunstwerk eine eindeutige Stellungnahme zu vermuten. Und Franz Radziwills eindringliche „Klage Bremens“ entstand erst 1946, als von Vorhersage keine Rede mehr sein konnte. Selbst die großartigen Arbeiten George Grosz’ aus dem amerikanischen Exil, wie „Kain oder Hitler in der Hölle“ von 1944, sind keine Vorahnungen mehr, sondern allegorische Umschreibungen des mit Sicherheit Kommenden.

Den Umständen der Bespitzelung bis hin zum ausdrücklichen Malverbot entsprechend, spielte die Grafik in den Jahren des NS-Regimes eine herausragende Rolle. Die Anregungen durch Goyas „Desastres“ sind allenthalben zu greifen, bei Dix und Grosz vor allem, auch bei Alfred Kubin. Herausragend sind die vier Kohlezeichnungen des damals erst 18-jährigen Emilio Vedova, „Zyklus der Angst“. „Angst“ ist einer der Themenbereiche, in die die Ausstellung zusätzlich zur chronologischen Abfolge mit den Kapiteln 1918–1929, 1930–1933 und 1933–1939 untergliedert ist.

Nicht alle, längst nicht alle großen Werke waren ausleihbar, die unter dem gewaltigen Thema „Kassandra“ Platz gefunden hätten. Die Triptychen von Dix und Hans Grundig fehlen ebenso wie ein Hauptwerk Max Beckmanns, „Die Nacht“ von 1918/19, das in der Darstellung des jüngst Gewesenen bereits die Vorausahnung des Kommenden enthält. Oder aber Meisterwerke wie Franz Marcs „Tierschicksale“ oder Wassily Kandinskys „Jüngstes Gericht“, beides unausleihbare Ikonen, die die Ausstellung jedoch über das hinausgehoben hätten, was Brecht spöttisch „Inhaltismus“ zu nennen pflegte. Max Ernsts Hauptfassung des alles zertrampelnden „Haus engels“ fehlt ebenso, der aber – was für die Arbeit der Kuratorin spricht – zumindest mit der kleineren Erstversion vertreten ist. Und es sind ihr Entdeckungen gelungen: so die winzig kleine Arbeit von Paul Klee von 1938, „Schwarze Zeichen“ betitelt, die keines erkennbaren, erklärbaren Inhaltes bedarf, um den Schrecken der Zeit zu einem Bild zu verdichten.

Vielleicht ein wenig viel, ein wenig ermüdende Mahnung auf einmal. Große Kunst bedarf, wie der kleine Klee beweist, des benennbaren Motivs nicht. Sie weist darüber hinaus. Und dass, nebenbei, Grosz kein Gehör fand, mag – überspitzt gesagt – auch an ihm selbst gelegen haben: Sein „Selbstbildnis als Mahner“ von 1927 ist so ungefähr das harmloseste Bild der Ausstellung. Dass dieser Mahner vor einem Unheil Hitler’schen Ausmaßes gewarnt haben soll, mag man dem korrekten Herrn kaum abnehmen. Vielleicht, ja ganz sicher sogar haben auch Künstler unterschätzt, welche Schrecknisse das 20. Jahrhundert noch bereithalten sollte.

Deutsches Historisches Museum, Pei- Bau, bis 22. Februar, tgl. 10–18 Uhr. Sehr informativer Katalog, 451 Seiten, 30 €.

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