Ausstellung : Mein Zimmer, die Insel

Zeitungsschnipsel, Briefe, Landkarten, Anfahrtsskizzen und ausrangiertes Spielzeug - daraus schafft der Objektsammler Andreas Seltzer seine Kunst. Sein Motto: "Grabe, wo du stehst!". Seine Ausstellung "Die Reise um mein Zimmer" in der Galerie Stella A. lohnt einen Besuch.

Matthias Lehmphul
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Straßenszene. Andreas Seltzer erklärt seinem Kater Herbert sein Lieblingsfundstück »Harry auf dem Weg zur Arbeit«. -Foto: Mike Wolff

Im Alltag offenbart der Mensch sein Wesen. Er lässt die Beweise seines Daseins liegen, sodass sie in Vergessenheit geraten. Dabei bräuchte er nur auf den Fußboden zu schauen, alte Notizen am überfüllten Schreibtisch durchzublättern oder im Keller die verstaubten Umzugskisten zu öffnen. All diese Orte sind Archive der persönlichen Vergangenheit. Sie bewahren Dinge auf, die über die Leidenschaften und Lebenswege ihrer Besitzer erzählen.

Es gibt Menschen, die sich für diese Zeitzeugen interessieren: Detektive, Historiker, Künstler, Sammler. Einer von ihnen ist Andreas Seltzer. Sein Motto lautet: „Grabe, wo du stehst!“ Ein Imperativ, der der griechischen Mythologie entstammt und in den siebziger Jahren von ihm auf den Umgang mit der lokalen Geschichte und der eigenen Identität umgemünzt wurde. Seltzer ist Künstler, er nennt sich selbst einen „Bildermann“. Einen Menschen also, der mit Bildern arbeitet, sie aber nicht unbedingt selbst geschaffen haben muss.

Flohmärkte, Fotoalben, Zeitschriften - da wird er fündig

Seltzer reflektiert das Menschsein über Dinge, die abgelegt und vergessen werden: vergilbte Zeitungsschnipsel, Briefe, Landkarten, Wohnungs- oder Anfahrtsskizzen und ausrangiertes Spielzeug. Der Künstler fragt sich, wie die Menschen um ihn herum die Welt sehen. Dazu besucht er Flohmärkte, stöbert in Antiquariaten und spaziert durch die Berliner Außenbezirke. Immer auf der Suche nach fremden Erinnerungen. Er verwandelt seine Fundstücke zu Anschauungsobjekten. In der Galerie wirken sie wie Spiegel, die uns Seltzer vorhält.

„Im Prinzip kann aus allen alltäglichen Dingen Kunst entstehen, solange genug Fantasie vorhanden ist“, sagt Seltzer. Sogar über den Schnupfen sei eine Ausstellung denkbar. „Die Reise um mein Zimmer“ ist der Titel einer Ausstellung in der Galerie Stella A., wo derzeit neue Fundstücke von Seltzer zu sehen sind. Zu den Trouvaillen zählen Bilder aus Fotoalben, die der Künstler bei einem Neuköllner Trödler entdeckt hat. Da hat ein Hobbyfotograf vor seinem Fernseher markante Momente der siebziger Jahre festgehalten: US-Präsident Richard Nixon in der „Tagesschau“, Kinderstar Heintje in einer Schlagershow, Robert Lembke, der „Was bin ich?“-Frageonkel, mit seinen „Schweinderln“.

Ein "poetisierender Beobachter"

Der Galerist Michael Behn nennt Seltzer einen „poetisierenden Beobachter“. Der Titel der Ausstellung entstammt dem Essay von Xavier de Maistre. Maistre war ein französischer Offizier des späten 18. Jahrhunderts, der sich als Philosoph versuchte und empfahl: „Das Vergnügen, das man beim Reisen in seinem Zimmer hat, ist sicher vor dem ruhelosen Neid der Menschen; es ist unabhängig vom Vermögen”. Zu seinen Fundstücken wahrt Seltzer spürbar eine gewisse Distanz. Über kaum wahrnehmbare Veränderungen wie die Wahl eines Bilderrahmens gewichtet er seine Beobachtungen.

Der stille Rebell Seltzer wird 1943 in Danzig geboren und wächst in Wiesbaden und Frankfurt am Main auf. Er bricht Schule und Designstudium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach ab. 1965 strandet er auf der für ihn einzig verbleibenden Insel: West-Berlin. Aber auch die Malklasse von Heinz Trökes an der Hochschule der Künste schließt er nicht ab. Als der 68er-Geist die Ateliers über Monate leerfegt, verlässt Seltzer die Hochschule. Trotz der angeheizten Stimmung auf der Straße fühlt er sich unpolitisch.

Seine Kunst verbeugt sich vor dem denkenden Menschen und weckt die Lust am Entdecken

Doch ganz so unbeteiligt, wie er sich gibt, ist er dann doch nicht. In den Siebzigern fotografiert Seltzer über mehrere Jahre Sprüche ein und derselben Person, die er an Hauswänden der Innenstadtbezirke entdeckt. Der selbst ernannte „Sendermann“ kämpfte, mit einer Spraydose bewaffnet, gegen die totale Überwachung. Seltzer dokumentiert seine Schlagzeilen wie: „Bürger werden körperlich politisch mit Sendern verfolgt – gefoltert – ermordet!“ oder: „Die Parteien sind übergangen worden Hochverrat Die Regierung hält getextete Reden täglich! Sender in jedem 3. Haus“. Die Sprüche sind Fundstücke, die einen manisch-paranoiden Blick auf die Gesellschaft festhalten.

Nicht nur künstlerisch beschäftigt er sich mit der Bilderwelt im Kopf und routinierten Bewegungen im Alltag. In den Achtzigern beginnt Seltzer seinen eigenen Blick journalistisch und theoretisch zu reflektieren. Zusammen mit dem Maler Dieter Hacker gibt er die Zeitschrift „Volksfoto“ heraus. Sie klopfen die Fotografie auf ihre politische Relevanz ab. Daneben arbeitet Seltzer als Kritiker für die „taz“ und die – mittlerweile eingestellten – Berliner Seiten der „FAZ“. Er schreibt über Baumärkte, Fundbüros und sammelnde Prominente. Seine Kunst verbeugt sich vor dem denkenden Menschen und weckt die Lust am Entdecken. Seltzer lädt uns zu Spaziergängen in fremden Köpfen ein. Dafür lohnt es, das eigene Zimmer zu verlassen.

- „Reise um mein Zimmer“, bis 22.8., Galerie Stella A., Gipsstr. 4, Mi-Sa, 14 - 19 Uhr

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