Ausstellung : Mit warmen Kissen in die Kälte

Die Arbeit des Architekten und Designers Josef Frank wird in den Nordischen Botschaften mit der Ausstellung „Vorsicht, guter Geschmack!“ gewürdigt.

Christiane Meixner
Josef Frank
Der prächtige Jugendstil paart sich in Franks Arbeiten mit der Moderne. -Foto: Mike Wolff

Mit Le Corbusier und Mies van der Rohe hat er sich gestritten – 1927, als alle drei an der legendären Austellung „Die Wohnung“ in Stuttgart teilnahmen. Josef Frank aber wusste mit den Ideen der beiden Architekten, die dort für die Weißenhofsiedlung je ein Wohnhaus errichteten, nicht viel anzufangen: Sie waren ihm zu kalt und glatt für das menschliche Wohlgefühl.

Dabei zählt Frank selbst zu den Avantgardisten seiner Zeit. Der Architekt und Designer aus jüdischem Elternhaus war Gründungsmitglied des Wiener Werkbundes, Initiator und ab 1930 auch Leiter des Projektes Werkbundsiedlung in Wien. Seine Schule der Architektur fühlte sich ebenfalls der Moderne verpflichtet, hatte aber ein etwas anderes Konzept, was die Zukunft von Häusern, Wohnungen und ihrer Inneneinrichtung betraf.

Wer sich die Ausstellung über das Design von Josef Frank im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin anschaut, der versteht die Gründe für das Zerwürfnis jener gestalterischen Visionäre sofort. Zwar hat auch Frank ungemein funktionale Möbel wie die „Sideboards 548“ aus rostfreiem Stahl oder einen Servierwagen entworfen, dessen gläserne Stellflächen zu schweben scheinen. Doch dazu kombinierte der Wiener Hängeleuchten mit gerafften Stoffen oder elegant geschwungene Tischlampen, deren Formsprache dem Art Déco huldigt. Vor allem aber die Muster seiner vielen Stoffe, ihre dichten floralen Elemente, zwischen denen üppige Blüten wachsen oder bunte Vögel stelzen, machen deutlich, dass Frank den Jugendstil in all seiner Pracht mit in die Moderne genommen hat.

Für die Verfechter einer radikalen Moderne war dies purer Anachronismus. Frank wiederum hat seine Sympathie für das Ornament zu einem „etablierten Außenseiter“ gemacht – so steht es im Untertitel der schönen Schau „Vorsicht, guter Geschmack!“, in der das Felleshus neben den biografischen Stationen auch originale Objekte mit solchen Möbelstücken kombiniert, die bis heute erhältlich sind. Ab 1933 nämlich entwarf Frank seine Leuchten, Sessel, Tische und Stoffe für die etablierte Stockholmer Designfirma Svenskt Tenn; viele seiner Kollektionen sind bis heute erhältlich.

Der Umzug nach Schweden war allerdings kein freiwilliger. Frank und seine Frau Anna, die er 1908 während eines Praktikums bei dem Berliner Architekten Bruno Möhring kennengelernt hatte, fühlten sich im antisemitischen Wiener Klima zunehmend unwohl. Anna, die selbst aus Schweden stammte, trieb den Umzug voran und knüpfte erste Kontakte zu Svenskt Tenn. Als dann Norwegen und Dänemark von den Nationalsozialisten besetzt wurden, emigrierte das Paar in die USA, kehrte aber schon ein Jahr nach Kriegsende zurück. Wieder nach Stockholm. Dort wurde Josef Frank Chefdesigner bei Svenskt Tenn und blieb es bis zu seinem Tod 1967.

Der soziale Wohnungsbau und Arbeitersiedlungen gehörten zu seinen bevorzugten Themen. Wie die Kollegen verzichtete er hier auf jedes Fassadendekor. Die Siedlung Hoffingergasse im Wiener Bezirk Altmannsdorf (1921-24) ist ebenso Beleg für eine klare, funktionale Formensprache wie sein Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung, das 1927 neben den Bauten von Le Corbusier und Mies van der Rohe entstand. Auch bei der Innengestaltung ging Frank andere Wege. Er bevorzugte warme Materialien wie Stoff oder Holz und ließ die modischen Tendenzen etwa der fünfziger Jahre mit ihrem Kurvenstil und ihren Tütenlampen kreativ in seine Arbeiten einfließen. Strikten Zeitgenossen mag Frank deshalb nicht konsequent genug gewesen sein. Seine Möbel aber, die tatsächlich nur bedingt zum reduzierten architektonischen Vokabular passen, waren immer beliebt. Er selbst verstand sich als Vertreter einer undogmatischen Ästhetik und propagierte stilistische Vielfalt. So wirken viele Stücke seiner Kollektionen, als habe jemand das bequeme Sofa aus der bürgerlichen Stube mit den Accessoires eines Künstlerateliers verquickt: große Muster, dicke Kissen, kombiniert mit Stahl und Glas. Schlichte Sideboards aus Holz tragen verzierte Griffe, ein Wollteppich imitiert Zebrafell, und das Rückenstück eines Stuhls ragt unartig groß über beide Armlehnen hinaus.

Immer sind es die Details, die den Eindruck kühler Perfektion unterlaufen. Zugunsten eines Wohngefühls, das neben moderner Klarheit auch Wärme und Geborgenheit verspricht. Mit solchen Konzepten nahm Frank Einfluss auf die Geschichte des gesamten skandinavischen Wohnstils: Die von ihm gestalteten Einrichtungsgegenstände und Textilen zählen zu den Klassikern des europäischen Designs – auch wenn sie immer wieder kontrovers diskutiert worden sind.

Unterstützung kam in jüngerer Vergangenheit ausgerechnet von „Wallpaper“, dem Pionier für ausgefallenes Design und exzentrischen Geschmack. Die britische Designzeitschrift hat Frank in den späten neunziger Jahren wiederentdeckt und mehrfach vorgestellt. Der renommierte Wiener Architekt und Möbeldesigner Luigi Blau nennt ihn eines seiner Vorbilder, dasselbe gilt für Peter Ebner, der seit 2006 als jüngster Architekturprofessor Deutschlands in München lehrt. Eine Generation, die reiner Funktionalität kaum noch etwas abgewinnen und eisige Interieurs aus Stahl, Chrom und Glas vor weißen Wänden nicht länger sehen kann. Christiane Meixner

Die Ausstellung „Vorsicht, guter Geschmack!“ ist im Felleshus in den Nordischen Botschaften, Rauchstr. 1, noch bis zum 20. September zu sehen.

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