Ausstellung : Papiertiger

Horst Janssen war ein Großmeister lakonischen Humors. Das Berliner Kunstforum zeigt seine Zeichnungen.

Michael Zajonz

„1930. Gelallt, gelächelt, gelaufen. Oldenburg.“ So liest sich in seiner selbst verfassten Kurzbiografie von 1965 die Beschreibung des ersten Lebensjahrs. Horst Janssen, der große Zeichner und Grafiker, war vor allem ein Großmeister lakonischen Humors. Nur durch Selbstironie, die immer wieder hinter dem überbordenden Werk aufblitzt, lässt sich seine Egomanie aushalten. Bis heute.

Janssen, der Künstler, wurde zuweilen von Janssen, dem Selbstvermarkter, in den Schatten gestellt. Doch vorm Original wirkt jeder Einwand blass: Im Kunstforum der Berliner Volksbank sind rund 100 vergleichsweise unbekannte Frühwerke zu bestaunen. Die großartige Auswahl aus den Beständen des Horst-Janssen-Museums Oldenburg verdankt sich dem Sammeleifer von Carl Vogel, dem Freund und Mäzen der frühen Jahre. Ergänzt wird sie durch 30 späte Aquarelle des 1995 gestorbenen Künstlers, allesamt Leihgaben des Hamburger Verlags St. Gertrude: Blumenstillleben und Landschaften, wie von Baudelaire ersonnen. Der Zeichner als Papiertiger, lebenslang auf produktiven Abwegen.

Die führten den Absolventen der Hamburger Landeskunstschule nicht nur durch die grafischen Techniken, vom Holzschnitt über die Lithografie bis zur meisterhaft beherrschten Radierung, sondern ebenso durch alle erdenklichen Sujets: von betont naiven Kinderbuchillustrationen im Stil des deutschen Expressionismus bis zu den pornografischen Fantasien der „L’heure de Mylène“, einem atemberaubenden Zyklus kleiner Radierungen von 1965. Janssen und die Frauen, noch so ein Thema voller Fußangeln. Wer möchte nicht in dem Gnom, der auf dem Aquarell „Welkome“ von 1964 einer seidenbestrumpften Nackten nachsteigt, ein Alter Ego des Meisters erkennen? Aus dem Dilemma, Janssens Kunst biografisch zu lesen, kommt man nicht heraus. Dass sich das Ich buchstäblich auflösen kann, demonstrieren Janssens Selbstporträts. Hinter unzähligen feinsten Bleistift- oder Radiernadelstrichen lässt der Künstler das eigene, zunehmend von Alkohol und körperlichem Verfall gezeichnete Antlitz verschwinden. Zeichnung als Auslöschung. Beim „Duett für Carl Vogel“ blickt ihm Gevatter Tod über die Schulter. Gelallt, gelächelt. Und einfach ausgelacht. Michael Zajonz

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 11. Nov. Katalog 14 €. Am 10. Okt. liest Janssens Lebensgefährtin Gesche Tietjens aus „Summa summarum – Ein Lebenslesebuch“, 19 Uhr.

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