Ausstellung : Schöne Ware Welt

Das Museum als Shoppingmall: In Stuttgart inszeniert Josephine Meckseper ihre eigene Retrospektive.

Ralf Christofori
Meckseper
Spiel mit dem Feuer: Josephine Mecksepers Fotoarbeit "Pyromaniac 2" von 2003. -Foto: Kunstmuseum Stuttgart, Copyright: VG Bildkunst, Bonn 2007.

Das Kunstmuseum Stuttgart lädt zum Shoppen ein. Auf drei Stockwerken hat die deutschstämmige New Yorkerin Josephine Meckseper persönlich ihre erste große Einzelausstellung eingerichtet. Mit viel Gespür für den Ort und einem selbstbewussten Auftritt bespielt die 42-jährige Künstlerin mehr als 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Die Schau beginnt im unteren Stockwerk mit einer monumentalen Schaufenstersituation, die an Perfektion nichts zu wünschen übrig lässt: Hinter der Glasfront sind zeitgeistige Accessoires drapiert, deren Glanz sich in der verspiegelten Rückwand potenziert. Hie und da blitzt eine verchromte Klobürste hervor, in den oberen Stockwerken des Kunstmuseums halten die Insignien der Protestbewegung Einzug ins Schaufenster: Palästinenserschal und Birkenstocks, Bundeswehrparkas und Psychedelik.

Ein Super-8-Film, der 2002 bei einer Demonstration im New Yorker Central Park entstand, schildert „Die göttliche Linke“ als nahezu zeitloses Kollektiv, welches dasselbe Image vor sich herträgt wie noch vor 40 Jahren. Die Bildsprache des jüngsten Films von Josephine Meckseper knüpft unmittelbar daran an. Ihre Vitrinen verheißen Glanz und Glamour und sogar einen Überblick über die „Complete History of Postcontemporary Art“ (2005) – an der Front ein kreiselnder ausgestopfter Hase, der niemandem mehr die Kunst zu erklären versucht, sondern nur noch „Ja“ und „Nein“ sagt. Meckseper breitet ihr gesamtes konzeptuelles Repertoire auf Displays und Sockeln, in Vitrinen und Schaufenstern aus. Und doch bricht sie deren geleckte Ästhetik immer wieder an entscheidenden Stellen auf.

„Museums turn into shopping malls, shopping malls into museums“, hatte Andy Warhol seinerzeit prophezeit. Und tatsächlich fühlen sich Josephine Mecksepers Schaufenstervitrinen sichtlich wohl in der Scheinwelt des Kunstbetriebes. Aber der Künstlerin geht es nicht etwa nur um eine Art symbolischen Tausch, sondern um die tieferen Beweggründe der Repräsentation. Oder anders formuliert: Wie funktionieren Marken und Labels, Images und deren Botschaften? Und wie gehen wir damit um, wenn etwa der Palästinenserschal oder das RAF-Signet ihre ursprüngliche Botschaft hinter sich gelassen haben und als politische, religiöse oder weltanschauliche Symbole im Ein- Euro-Shop verramscht werden?

Mecksepers Repräsentationskritik setzt dort an, wo der Inhalt zugunsten des Image verwässert. Die scheinbar gegenläufigen Images von Kultur und Gegenkultur, von System und Revolte sind in ihren Arbeiten bloß unterschiedliche Ausprägungen ein und desselben ReizReaktions-Schemas: auf der einen Seite die verspiegelten Vitrinen oder die hochhackigen Models im postmodernen Ambiente, die sich erst auf den zweiten Blick als Parteischwestern von CDU und CSU outen; daneben das konsumkritische Manifest der „Angry Brigades“ und die brennenden Einkaufswagen auf einer Berliner Demo. Dabei ergreift die Künstlerin bewusst nicht Partei. Hier geht es nicht um Wahr und Falsch, Gut und Böse oder Links und Rechts, sondern um Erscheinungsbilder: um Zeichen, um Symptome oder um Simulakren.

Nicht von ungefähr taucht der kürzlich verstorbene Jean Baudrillard in Mecksepers Arbeiten immer wieder auf. Bereits in den 1970er Jahren hatte der Franzose die „Agonie des Realen“ als das letzte Aufbäumen der Wirklichkeit gegen die zunehmende Dominanz des Simulakrums beschrieben und die gesellschaftspolitische und ethische Konsequenz dieser Entwicklung aufgezeigt. Wenn, so Baudrillard sinngemäß, der Hyperrealismus der Simulation an die Stelle des Realen tritt, dann wird auch dessen Referenzwert abgeschafft. Das heißt: Ebenso wie etwa der Simulant tatsächlich Krankheitssymptome entwickelt, weist die Simulation die Überzeugungskraft des Realen auf, aber das Krankheitsbild lässt sich nicht zwingend auf eine Ursache zurückführen. Das Zeichen hat keinen Gegenstand mehr, den es bezeichnet; das Simulakrum keine reale Entsprechung; hinter einer Aussage verbirgt sich nicht zwangsläufig eine Haltung. Man kann diese Haltung zwar unterstellen, nicht aber verifizieren.

Josephine Mecksepers Ausstellung beschwört die Geister, die Baudrillard rief, in äußerst souveräner Manier. Schwer zu sagen, ob sie aber diese Geister wieder loswerden will und kann. Der hungrige Kunstbetrieb jedenfalls konsumiert gierig ihre Werke. Ihre Kunst ziert mittlerweile die Schaufenster der großen Sammlungen und Ausstellungshäuser. Die Presse feiert ihre Kunst als politischen, kulturellen und ökonomischen „Zeitgeist“. Das ist alles richtig und berechtigt. Und doch scheint sich Josephine Mecksepers Repräsentationskritik – trotz des konzeptuellen Tiefgangs – bereits so weit in Sphären der referenzlosen Zeichen hineinkatapultiert zu haben, dass man der Künstlerin und deren Arbeiten ebenfalls eine kritische Haltung nur noch unterstellen kann. Verifizieren lässt sie sich nicht.

Kunstmuseum Stuttgart, bis 28. Oktober. Katalog (Hatje Cantz) im Museum 29 Euro, im Buchhandel 35 Euro

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