Ausstellung : Schöne Ware Welt

Kitsch versus Design: Wie sich im neuen, alten Museum der Dinge Alltagsobjekte einen Schaukampf liefern.

Verena Friederike Hasel

Der gemeine Ausstellungsgänger drückt sich nicht gerade fein aus, da oben in der Fabriketage in Kreuzberg, vor der Vitrine, die Teller mit Blumendekor und eine golddurchwirkte Vase in Form eines Schwanenhalses birgt. „Boah, ist das hässlich“ sagt er. Bei Renate Flagmeier, Kuratorin des Museums der Dinge und verantwortlich für die Präsentation, klingt die Missbilligung gewählter: „Das ist der negative Pol unserer Argumentationslinie“, sagt sie. Der positive befindet sich im Schaukasten gleich daneben: weißes Stapelgeschirr, schnörkellos und schlicht.

Die Gegenüberstellung von Produkten zieht sich durch das gesamte Museum, das ab heute 10 000 Objekte dauerhaft präsentiert. Bisher logierte es im Martin-Gropius-Bau, dort musste es vor fünf Jahren seine Sachen packen. Hervorgegangen ist das Werkbundarchiv, wie sich das Museum im Untertitel nennt, 1972 aus dem Werkbund, jener Gilde, die sich seit 1907 als eine Art ästhetische Schutzmacht verstand. „Auf unserer Jugend lastet unausgesetzt die Hässlichkeit der Schulsäle und Wohnungen, eine Hässlichkeit, die nagt und zehrt wie das Laster, eine Hässlichkeit, die Herz, Gehirn und Fleisch anfrisst“, schrieb Henry van de Velde 1906. Der belgische Künstler gründete ein Jahr später gemeinsam mit Hermann Muthesius, Peter Behrens und Richard Riemerschmid jenen Bund, dessen Ziel die „Veredelung der gewerblichen Arbeit“ war. Die Werkbundler verstanden sich als Volkserzieher. Das 1915 herausgegebene Deutsche Warenbuch sollte als Unterrichtsmaterial für die geschmacksunsichere Bevölkerung dienen. „Vom Sofakissen bis zum Städtebau“, so ihr Kampfruf, sollte alles neuen ästhetischen Kriterien entsprechen.

Ganz vergessen hat das Museum der Dinge diesen pädagogischen Auftrag nicht. „Kampf der Dinge“ lautet der Ausstellungstitel, und nur an wenigen Stellen wurde die polarisierende Anordnung – historistische Dosen mit aufwändigen Beschlägen auf der einen und puristisch-funktionale Gegenstände wie die Wagenfeld-Lampe auf der anderen Seite – verlassen. Die Ausstellung ist am reizvollsten dort, wo sie die Gegenüberstellung aufgegeben hat. Da lassen die Exponate staunen, wie der alte Filmprojektor, der auf Löwenfüßen steht, die Klingelknöpfe, die noch die Form eines Klingelzugs haben – neues Gerät im alten Gewand. Gestalt entsteht eben nicht im luftleeren Raume, sondern wird von technischen Neuerungen angeweht. Das zeigt sich auch an jenem Teller, der zunächst auf die großmütterliche Kaffeetafel zu passen scheint, bis man erkennt, dass er als Motiv keinen ausladenden Apfelbaum zeigt, sondern einen Strommast, auf dem Vögel sitzen.

Auch von den Anfängen der Corporate Identity erzählt das Museum – ein Konzept, das zur Gründungsidee des Werkbunds gehört. Er strebte die Entzeichnung der Dinge vom Dekor an, um sie stattdessen mit ihrem Logo zu bezeichnen. Peter Behrens war Industriedesigner, bevor es diese Berufsbezeichnung überhaupt gab. Er arbeitete für AEG, entwarf den Schriftzug, ferner Wasserkessel und Ventilatoren, die ebenfalls im Museum der Dinge zu sehen sind. Hinzu kommen Produkte anderer Werkbundfirmen wie Pelikan mit ihrem einheitlichen Erscheinungsbild, dem immer abstrakteren, stärker stilisierten Erkennungszeichen. Ebenso vertreten sind die Einmachgläser aus dem Hause Weck, die erste Firma, die ihren Namen als Gebrauchsbezeichnung durchsetzte. Das sollte sich in späteren Jahren immer häufiger wiederholen, wie die Gegenüberstellung von Wachmitteln in einer Vitrine zeigt: Zunächst werden sie noch einfach „Sand“, „Seife“, „Soda“ genannt, nur ein Jahrzehnt später heißen sie „Persil“, „Ata“, „Imi“.

Eine ganz andere Kreativität setzte der Krieg frei. Nun wurden Gegenstände umgenutzt, wie der Stahlhelm, der blau angemalt und umgedreht plötzlich als Nachttopf dient, Lippenstifte stecken in Patronenhülsen, Gasmasken wandeln sich zu Schöpfkellen. Die Vitrine mit den Notprodukten könnte gut für sich selber stehen, doch auch diese Gegenstände versucht Renate Flagmeier in Einklang mit der Werkbund-Linie zu bringen. Der Purismus, den der Bund propagierte, so die Kuratorin, sei hier aus dem Mangel geboren. Tatsächlich wird die Ausstellung umso stärker, je weiter sie sich von der offizielle Lehre entfernt; sobald sie sich den Gegenständen des Alltags spielerisch nähert, sie auf ungewöhnliche Art und Weise arrangiert. Gerade dort ist die Polarisierung willkommen: Ein Sonderraum neben der eigentlichen Ausstellung versammelt unter anderem jene Objekte, die sich niemals ändern werden ,wie Wattestäbchen,Wäscheklammern, Eimer und Schwamm, die absolut zeitlos sind, die immer da sein werden. Ob sie nun hässlich sind oder jenseits davon.

Museum der Dinge, Oranienstr. 25, Fr – Mo 12 – 19 Uhr.

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