Ausstellung : Tarantel oder Grashüpfer

In der Galerie Max Hetzler zeigt Sarah Morris, wie vieldeutig geometrische Muster sein können. Einen Teil ihrer vierten Einzelausstellung bestreitet die Künstlerin mit Gemälden ihrer "Origami“-Serie.

Jens Hinrichsen

BerlinBilder betrachten hat viel mit Origami zu tun. Man dreht und wendet das Blatt – oder die Leinwand – im Kopf, übersetzt die Fläche abstrakt ins Dreidimensionale, denkt in virtuelle Faltungen hinein und auch mal um die Ecke. Bei Sarah Morris ist das unumgänglich. Es braucht Zeit und Hintergrundwissen, um hinter die reizvoll gerasterten Oberflächen ihrer Gemälde zu dringen, die nur dem flüchtigen Betrachter wie Dekorationsstücke für die Sofaecke vorkommen. (Alle Bilder von 2007, Preise auf Anfrage.)

Einen Teil ihrer vierten Einzelausstellung in der Galerie Max Hetzler bestreitet die in England geborene, in London und New York lebende Künstlerin mit Gemälden ihrer „Origami“-Serie. Der Kniff dieser drei quadratischen Bilder, zu denen noch vier Zeichnungen im Büro der Galerie gehören, ist die Möglichkeitsform. Für Sarah Morris ist Origami keine Hobbybastelei, sondern kulturelles Symbol des Wandels: In jeder Linie ist der künftige Knick vorgezeichnet. Als Beispiel erwähnt die Kinokennerin Spielfilme, in denen Origamifiguren auf Handlungsumschwünge hinweisen – im Zukunftsfilm über eine Megalopolis, „Blade Runner“ ist es ein papiernes Einhorn.

„Origamis kündigen an, dass gleich etwas Neues um die Ecke biegt“, behauptet die Künstlerin. Entsprechend zeigen ihre Faltplanbilder einen Rohzustand, der den nächsten Handlungszug in sich trägt: Man müsste die von Morris als Grundraster benutzten Anleitungen nachknicken, um die Origami-Nachbildungen der im Titel benannten Gottesanbeterin, des Grashüpfers oder der Tarantel wirklich sehen zu können.

Auf den Bildern erblickt man nur mit grasgrünem, blauem oder signalrotem Haushaltslack gefüllte Linienstrukturen, aus denen eine Lust an Komplexität und das Unbehagen an Unübersichtlichkeit zugleich spricht. Das Bild „Tarantula“ (2007) wirkt wie ein Spinnennetz mit blutrot ausgemalten Zwischenräumen. Sarah Morris bremst die Interpretationsfreude allerdings etwas: „Creepy“, also „gruselig“, sollen ihre Bilder nicht daherkommen. „Aber es stimmt schon, wir sind in allen möglichen Strukturen gefangen“, räumt sie ein und beruhigt damit, „dass es meistens einen Weg heraus gibt.“

Aber erst mal hinein in die Megacity: Morris’ zentrales Thema, mit dem sie in den neunziger Jahren bekannt wurde, ist das urbane Geflecht, das in ihrer Kunst weit mehr als ein Labyrinth aus Straßen und Gebäudekomplexen darstellt. Ihre leuchtkräftigen Bilder erinnern an U-Bahn-Pläne oder Architekturmodelle und sind doch eher Diagramme innerer Strukturen, subjektive Porträts und Psychogramme bestimmter Orte zu bestimmten Zeiten. Die Bilder ihrer Malserie „Rings“ repräsentieren Austragungsstätten Olympischer Spiele, wie sie 1948 in London oder 2002 in Salt Lake City stattfanden. Schon in der Tokyo-Variation „1964 (Rings)“ verkettet sich das dutzendfach in melancholischem Dreiklang aus Grün, Orange und Schwarz wiederholte Ringsymbol zum nahezu undurchdringlichen Geflecht. Ein wenig schimmert noch Mondrians geometrisch organisierte Utopie einer Symbiose von Mensch und Welt hindurch – und ist doch Lichtjahre entfernt.

Und der olympische Gedanke? Heute geht’s um Effektivität, um Profit und Erfolgszwang: „Die Spiele sind nicht bloß ein Ereignis, sondern eine Deadline für eine Stadt“, sagt Morris, die mit dem Zeichen des Rings auch auf das Ringstraßensystem der kommenden Olympiametropole Peking anspielen will, das in den vergangenen Monaten weiter hektisch ausgebaut wurde. Es ist, als ob in den abstrakten „Porträts“ der Vorgängerstädte das gegenwärtige „Ringen“ der Menschen in der chinesischen Kapitale implizit enthalten ist: die Stadt ummodeln, fit machen für die Zukunft, kleine und große Schönheitsfehler kaschieren.

Stadt wird zur Beute, in einem Netz aus Filz, Machtgier, Kommerz gefangen. Und doch finden sich Freiflächen, sogar ausgedehnte Inseln individueller Entfaltung: Ein Spektrum, das Sarah Morris interessiert. Parallel zur Malerei greift sie zur Kamera. Im Oktober wurde ihren filmischen Studien über Städte eine Retrospektive auf der Kunstfilm-Biennale in Köln und Bonn gewidmet. Zu sehen war auch, wie jetzt bei Hetzler, die 34-minütige Dokumentation „Robert Towne“. Das Filmporträt des legendären Drehbuchautors und Scriptdoktors („Chinatown“, „Bonnie and Clyde“) wirkt hochaktuell in diesen Tagen, in denen ein Streik von Hollywoodautoren zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen, Sitcoms und Talkshows lahm legt. Plötzlich geht der Filmindustrie auf, welches Machtpotenzial die schreibende Zunft hat. „Ein Streik ist wie Krieg: Niemand siegt wirklich, aber er ist trotzdem manchmal unvermeidbar“, hat Robert Towne kürzlich kommentiert, der inzwischen auch als Regisseur und Produzent aktiv ist.

Towne – was für ein sprechender Name, denn in der Person dieses Mannes spiegelt sich die Entwicklung der Medienmetropole Los Angeles in den letzten vier Jahrzehnten wider. Vor der minimalistischen Klangkulisse, die Morris’ Lebensgefährte Liam Gillick beigesteuert hat, parliert ein weißhaariger, Zigarren rauchender Towne über New Hollywood, erzählt von seiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Arthur Penn, Roman Polanski und Martin Scorsese und von den Filmen, deren Geschichten stets um Paranoia, Korruption und Macht kreisen. Bezüge, die auch hinter Sarah Morris’ „Ringen“ hervorlugen und in den Falten ihrer „Origamis“ stecken. Im Untergrund der Bilder.

Galerie Max Hetzler, Zimmerstraße 90/91; bis 22. Dezember, Dienstag bis Samstag von 11 bis 18 Uhr.

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