Ausstellung : Trau keinem unter 50

"Ein Leben lang": Eine Ausstellung in Kreuzberg zeigt ein liebevoll-hochachtungsvolles Bild auf das Altern.

Irgendwann hat Herr S. angefangen, sich Dinge auf Zettel zu notieren. Harmlose Erinnerungen zunächst, Termine, Zitate, Notizen, doch bald werden die Fragen dringlicher: "Wie hieß die Kneipe, in der ich vorgestern war?" - "Wer war 2003 vom 27.6. bis 4.7. in Urlaub?" - "Wo sind die ovalen Bilder mit Eltern geblieben?" und "Wo ist das Verzeichnis der Nachbarn?" Das Verzeichnis der Nachbarn, gleich zweimal auf Zetteln angelegt, bricht nach zwei, drei Namen ab. Der Rest sind leere Spiegelstriche.

Herr S., der inzwischen verstorben ist, hat die Zettel geschrieben, um sich gegen seine zunehmende Demenz zu wehren. Dokumente der Versicherung, Dokumente der Angst - aber auch der eigenen, eigenwilligen Persönlichkeit, die immer wieder durch die Notate aufscheint.

Auch die Schweizer Künstlerin Regine von Felten hat ihrer Großmutter Trudi ein bewegendes Denkmal gesetzt: Immer wieder hat sie die alte Dame im Heim besucht, hat ihr Fotos vorgelegt und sie diese bearbeiten lassen. Je nach Tageszustand von Trudi bleiben die Bilder unversehrt - ihr ist nichts eingefallen. Oder sie schneidet Teile heraus, den Kopf, das Knie. Am liebsten aber übermalt sie die Bilder, fügt Objekte hinzu, Glocken am Kronleuchter, Pilze, die von der Decke wachsen, eine Maus in der Ecke. Und schreibt dazu: "Haben Pilze Blätter? Vielleicht an Weihnachten." - "Meine Weisheit ist nun zu Ende" (auf das Kopfkissen), oder, auf ein Foto, das sie aus dem Fahrstuhl winkend zeigt: "Adé, Regine. Ich gehe Tee trinken. Komm bald wieder zu mir. Ich habe immer Freude!"

Zärtliche Arbeiten. Arbeiten, die alle Berichte von Generationskonflikten Lügen strafen. Man muss nur an Silvia Bovenschens so ehrliche wie erfolgreiche Essaysammlung "Älter werden" erinnern. Auch die Ausstellung "Ein Leben lang" in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) in Berlin zeichnet ein zumeist liebevoll-hochachtungsvolles Bild: Alter als Bereicherung, nicht als Schrecken. Sicher, da gibt es die Fotos von Donigan Cumming, der die 90-jährige Nettie Harris in ihrer Wohnung fotografiert. Der ausgemergelte Körper nackt vor dem gut gefüllten Kühlschrank, das ist schwer erträglich - aber selbst gewählt. Nettie selbst hat entschieden, wie sie fotografiert werden wollte, so dass die Bilder bei aller Drastik auch zum Beweis eines hartnäckigen Selbstbehauptungswillens werden. Ich bin so, seht mich an, sagen die Fotos. Nettie hat erkennbar Freude am Posieren.

Der alternde Körper, das ist auch das Thema von John Coplans, der sich selbst fotografiert, über Jahre hinweg: beeindruckende Schwarz-Weiß-Bilder von Runzeln und Falten und hängender Haut: keine Angst vorm Alter. Oder wollen wir etwa lieber wie die kalifornischen Senioren werden, die Peter Granser in "Sun City" fotografiert hat? Eine "Gated Community", in die keiner eingelassen wird, der jünger als 50 ist. Unter kalifornischer Sonne blüht der Traum von ewiger Jugend und Fitness: im Swimmingpool, bei der Gymnastik oder im Bild der Dame, die selbstbewusst im T-Shirt einer jungen Bikinischönheit posiert. Oder lockt uns Birgit Brenners Horrorszenario vom gemeinsamen Ehealltag, der verheißt: "Another thirty, forty years, if nothing goes wrong", und in den beigefügten Schriftbändern ist der triste Alltag aus Langeweile und Überdruss zu spüren?

Dann schon lieber Lenka Clayton und James Price, die in Videokompilationen Lebensbilder numerisch geordnet haben: Frauen nach den Wochen ihrer Schwangerschaft ("Birth"), Familien nach der Höhe des Jahreseinkommens ("Home"), Menschen zwischen 1 und 100 ("Age"), Paare nach der Länge ihrer Beziehung ("Love"). Wer körperliche Liebe im Alter sucht, dem sei demnächst Andreas Dresens außergewöhnlicher Film "Wolke 9" empfohlen. Christina Tilmann

NGBK, Oranienstr. 25, bis 31. August, tägl. 12-18.30 Uhr. Katalog 16 €

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